Leseprobe "Mein Drache frisst gern Pizza"


 

Mein Drache frisst gern Pizza

 

Ist jetzt die Zeit den Drachen zu wecken?

 

 

Julianne Becker

 

 

 

 

 

 

Vorwort

 

Herzlichen Glückwunsch und willkommen auf der Neuen Erde! Wenn dir dieses Buch in die Hand fällt und dich auffordert es zu lesen, hast du es bereits auf die Neue Erde geschafft. Meine Drachen wollen dir nun helfen, dort auch zügig Fuß zu fassen.

 

Ich bin spirituelle Filzkünstlerin und filze seit mehr als einem Dutzend Jahren Drachen. Sie haben mich auf eine kreative innere und äußere Reise geschickt, die mich einerseits in unsere menschliche Psyche und andererseits in unsere prähistorische Geschichte eintauchen ließ und mich mit der Rolle vertraut machte, die Drachen darin spielten. In diesem Buch geht es um den inneren Drachen. Der Rolle in unserer historischen Geschichte widme ich mein Buch „Reich mir den Apfel, Eva!“

 

 

Eigentlich hatte ich irgendwann und nur aus Versehen meinen eigenen Drachen geweckt, doch dann nahmen die Dinge unaufhörlich ihren Lauf. Rückblickend war es mein Drachenweg, eine spirituelle Reise um mich selbst zu finden und zu der aufzuwachen, die ich wirklich bin. Und mit meinen Drachen erinnere ich mich nun rückblickend in diesem Buch, was die einzelnen Schritte und Fallstricke waren und welche Werkzeuge und Strategien mir halfen zu der zu werden, die ich jetzt bin. Ich möchte anderen diesen Weg so vereinfachen, dass aus dem ehemals gefährlichen Abenteuer eines Adepten in früherer Zeit eine geführte Safari für Pauschaltouristen mit einem entsprechenden Sicherheitsfaktor wird. Das ist das erklärte Ziel dieses Buches.

 

 

Gleichzeitig möchten meine Drachen über Drachen aufklären, denn wer sollte es besser wissen, als die Drachen selbst, warum sie gerade so Furore machen und in fast jedem Computerspiel oder Kinderbuch zu finden sind. Ich habe ihnen das allerdings lange nicht geglaubt, denn wer glaubt schon seinen Filztieren! Die Faszination für Drachen hält seit Jahren ungebrochen an und ist eigentlich unerklärlich. Dachte ich, denn in den Sachbüchern über Drachen fand ich nichts, was ich nicht selbst schon gedacht hatte. Bis ich merkte, dass meine Drachen da etwas ganz Neues behaupteten, an das bisher noch keiner gedacht hatte. Da wurde ich hellhörig und schaute genauer hin. Und es war viel mehr dahinter! Eigentlich sind Drachen Meister im bewussten Erschaffen. Was Drachen mit Bewusstsein und deinem höchsten Potential zu tun haben, das erfährst du hier im Buch. Und am Ende bist du eingeladen, auch deinen Drachen zu wecken!

 

 

Bitte empfehle dieses Buch nicht weiter! Es sucht sich seine Leser selbst. Halte erst einmal geheim, dass du es überhaupt liest und was du da machst, nur für dich und nur zum Spaß. Gib dir Zeit, diese Dinge auszuprobieren und warte auch die Ergebnisse deiner Experimente ab, das kann ein paar Monate dauern. Sobald dich jemand anspricht, weil du so gesund und kraftvoll aussiehst, und du ihnen dann auch noch erzählen kannst, wie sich in deinem Leben gerade viele Dinge zum Guten wenden und ganz neu ordnen, und sie fragen dich: Wie hast du das gemacht? - dann ist der Zeitpunkt für dein Coming Out gekommen, um ehrlich zu sagen: Ich habe meinen Drachen geweckt. Ich habe ihm Pizza angeboten. Dann wäre es schön, du würdest mich und mein Buch nicht vergessen und lobend erwähnen. Danke.

 

 

 

Der erste Kontakt

 

„Du solltest an den Drachenseminaren teilnehmen! Das ist wichtig, wenn du selber Drachen machen willst!“ Ganz deutlich hörte ich diese lautlose Stimme in meinem Kopf, genauer gesagt hinter meinem Kopf, und es waren ganz sicher nicht meine eigenen Gedanken. Ich steckte gerade in meinen ersten Filztierversuchen und war mit den Ergebnissen nur leidlich zufrieden. Ich hatte noch so viel zu lernen! An Drachen hatte ich natürlich auch schon gedacht, klar könnte ich mich auch mal irgendwann in ferner Zukunft an einem Drachen versuchen. Er schien mir von allen Tieren das Komplizierteste zu sein mit all seinen Einzelheiten. So traute ich mir zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall schon einen Drachen zu.

 

„Ich würde ja liebend gerne auch mal Drachen machen und natürlich reizt es mich, alle drei Drachenseminare bei Regina zu besuchen, aber hast du dir mal mein Konto angeschaut, das sagt doch alles!“ gab ich dem merkwürdigen Besucher hinter mir als Antwort zurück.

 

 

Ich hatte meinen Dispo nämlich bis zum Anschlag überzogen. Und die Drachenseminare waren teuer, sie zogen sich insgesamt über zehn Tage hin. Ich würde sie mir also auf gar keinen Fall leisten können, obwohl sie mich schon sehr interessiert hätten! Nicht, dass ich dachte, mein unsichtbarer Besucher habe wirklich Zugang zu meinen Kontodaten, es war einfach nur so aus mir heraus geplatzt.

 

„Mach mich,“ sagte die Stimme verführerisch und da erst erkannte ich, dass ein Drache mit mir sprach. „Mach mich und überlass' alles andere mir. Ich rede mit ihr.“

 

Also begann ich zu filzen, obwohl ich mich mit dieser komplizierten Aufgabe ziemlich überfordert fühlte. Ich wollte ihn zumindest versuchen, meinen ersten Drachen. Ständig erhielt ich von meinem Besucher innerlich dazu Kommentare wie: "Den Hals länger!", "Den Schwanz dicker!" usw. Aber es war einfach zu schwierig und ich noch zu unerfahren! Schließlich gab ich entmutigt auf und setzte mich stattdessen an eine andere Filzfigur. Das Telefon klingelte und meine Freundin Sabeth wollte plaudern.

 

„Gehst du zu Regina?“ fragte sie. Wir kannten uns von deren Seminaren und hielten beide große Stücke auf unsere Lehrerin.

 

Ich erzählte ihr von meiner Drachenkonversation. „Ich wollte ihn ja wirklich filzen, ich hab's versucht und mir echt Mühe gegeben, aber ich komme einfach nicht weiter, so schwierig ist alles!“ Und so redete ich mir den ganzen Frust der letzten Tage von der Seele.

 

 

Sabeth hörte sich mein Lamentieren eine Weile an, dann sagte sie: "Pass auf: Ich schenke dir das Einführungswochenende unter der Bedingung, dass der Drache wirklich bis dahin fertig wird."

 

Das Angebot kam absolut überraschend. Gleichzeitig war ich von der Großzügigkeit meiner Freundin sehr berührt und meine Augen füllten sich mit Freudentränen. „Echt? Wirklich?“

 

Ich konnte es kaum glauben. Meine Motivation kam augenblicklich zurück. Wir sprachen noch über dies und das, aber ich konnte mich kaum noch auf das Gespräch konzentrieren, es zog mich mit aller Kraft an die Arbeit zurück. Dankbar über diese glückliche Wendung konzentrierte ich mich nach unserem Telefonat gleich mit neuem Schwung auf den Drachen. Mittlerweile war er im ersten Durchgang auch trocken und lag für das Trockenfilzen bereit.

 

 

Es wurde ein ganz ansehnlicher, magenta-farbener Drache und er grinste wie Mister Edd aus der Fernsehserie der 60er-Jahre. So wollte er aussehen, ich bekam innerlich sein OK, obwohl mir selbst das Gebiss zu sehr nach Pferd aussah. Mein Drachenbesucher, der mir buchstäblich bei dieser Arbeit im Nacken saß, bestand darauf, dass er genau so aussähe. Er war sowieso sehr eigen und kommandierte mich ziemlich herum. Ich beeilte mich. Trotzdem saß ich eine gefühlte Ewigkeit an den vielen kleinen Einzelheiten wie Ohren, Nüstern, Zacken und – Pardon: Pfoten. Da wollte er Klauen haben, so richtige mit langen Nägeln. Ich hörte mir sein Nörgeln an und sagte dann entschieden: „Wenn du bis zum nächsten Wochenende fertig werden willst, gibt es Pfoten oder Tatzen und die Krallen deute ich nur farblich durch Striche an. Wenn ich da noch drei bis vier einzelne Krallen ausarbeiten soll, an vier Füßen, dauert das noch einige Tage länger und ich will auch mal wieder was anderes machen. Außerdem wirst du dann nicht rechtzeitig fertig. Das Material ist zu schwierig, und als Kuscheltier brauchst du sowieso keine Krallen!“

 

Diesmal blieb ich fest entschlossen und da er unbedingt bis zum Seminar fertig werden und mitkommen wollte, fügte er sich, zumindest sagte er nichts mehr. Die Flügel machten mir dann auch noch große Probleme. Egal, was ich anstellte, die hingen lapprig und traurig von seinen Schultern. Aber besser ging es nicht.

 

 

Am Samstagmorgen packte ich ihn in meinen Korb – natürlich so, dass er raus schaute - und machte mich voller Vorfreude auf den Weg zum Einführungsseminar, denn ich hatte meine Bedingung zu diesem Geschenk ja erfüllt. Unten im Seminarzentrum gab es ein öffentliches Café mit großen Fenstern zur Straße. Dort sah ich Regina mit zwei anderen Teilnehmern beim Frühstück plaudern. Und da noch genügend Zeit blieb, entschied ich, mich auf einen Kaffee dazu zu setzen.

 

Regina hatte mich schon gesehen und stürmte mir ganz aufgeregt entgegen. „Was ist das denn?“ rief sie und war völlig aus dem Häuschen. Sie griff nach dem Drachen in meinem Korb. Es ging alles so schnell, dass ich nicht mehr sagen konnte, ob sie überhaupt fragte, ob mir das recht sei. In Erinnerung blieb nur, dass sie hin und weg war und mit großen Augen und tief berührt diesen Drachen in ihren Armen hielt, ihn immer wieder von allen Seiten betrachtete und für nichts anderes mehr Augen hatte.

 

Mir war ja schon klar gewesen, dass der Drache unbedingt zu ihr wollte, aber dass Regina nun umgekehrt genauso begeistert war vom Drachen und mein kleines Filzgeschöpf auch unbedingt haben wollte, wunderte mich dann doch. Und berührte mich tief. Einfach schön, wenn alles stimmte!

 

„Ist der für mich?“ fragte sie wieder und wieder und beantwortete sich nun gleich selbst die Frage: „Der will zu mir!“ Ihre Emotionen gingen hoch.

 

 

Ich erzählte nun auch noch, wie es mir mit dem Drachen ergangen war, und sagte: „Er will mit dir über meine Teilnahme an allen drei Seminaren verhandeln.“ Und das war nun überhaupt gar keine Frage mehr. „Natürlich kannst du teilnehmen!“ sagte Regina und herzte und küsste ihren Drachen. Der Drache hatte Wort gehalten.

 

 

 

Im Schatten schläft ein Drache

 

Drachen haben mich schon immer fasziniert. Nicht nur, weil sie angeblich mit Vorliebe Jungfrauen entführt und Schätze von Gold und Edelsteinen gehortet haben und dass ich das eigentlich nicht glauben konnte, oder weil sie groß, stark und gefährlich waren. Sie waren die Monster in vielen Überlieferungen, an fernen Orten und in religiösen Legenden. Ich habe sie vor allem mit mündlich überlieferten Geschichten und Sagen in Verbindung gebracht und gleichzeitig in entsprechenden Landschaften angesiedelt. In den Kinderbüchern meiner Zeit kamen Drachen überhaupt nicht vor und in den örtlichen Sagen gab es sie ebenfalls nicht, da gab es nur den Förster von der Wildenburg, der dem Teufel begegnete, oder das Göttenbachmännchen und andere kleine Gruselgeschichten. Unsere Gegend muss relativ sicher gewesen sein vor Monstern, das war jedenfalls mein Eindruck als Kind. Und was man sich heute schon kaum noch vorstellen kann, ich wuchs ohne Fernsehen und Filme auf. Ich glaube, ich war bereits zehn, als ein erster Verwandter ein solches Gerät anschaffte und die Großen sich für Krimis und Fußball bei ihm trafen. Und ob es damals schon Kinderfilme mit Drachen gab? Ich weiß es nicht. Ich bin jedenfalls noch ganz ohne Drachenbücher und -filme aufgewachsen. Selbst das Nibelungenlied war mir seinerzeit noch nicht begegnet.

 

 

So machte man sich seine eigenen Gedanken. Es war doch einfach nur logisch, dass Drachen der Fantasie entsprungen sein mussten. Und dass Erwachsene ihren Kindern dann solche abenteuerlichen Geschichten erzählten und spannend ausschmückten, während sie diese gerade erst beim Erzählen erfanden, das war doch auch klar. Erwachsenen sollte man einfach nicht alles glauben. Drachen gehörten also zu Legenden und Sagen, zu früheren Zeiten und waren wahrscheinlich nur eine Erfindung des Erzählers, so hatte ich irgendwann entschieden und damit dachte ich nicht mehr weiter über sie nach. Später habe ich mir die Drachen als Personifizierung bzw. Interpretation von wilden Naturkräften erklärt.

 

 

Und das hatte auch mit einem wild zerklüfteten Felsenkamm zu tun, den es in der Nähe meiner Heimatstadt Idar-Oberstein gab und wohin wir manchmal einen Familienausflug machten. Dieser lang gezogene Bergrücken, die Wildenburg, hatte es mir dann auch ganz besonders angetan. An seiner höchsten Stelle gab es ein Plateau, da ragte etwas separat vom zusammenhängenden Felsenrücken ein einzelner großer Felsblock heraus, den man gut und gerne als Drachenkopf deuten konnte. Als Kinder liebten wir es, den Höhenzug entlang zu klettern. Doch oft hatten die uns begleitenden Erwachsenen nicht die Geduld, so lange auf uns zu warten, sie wollten den Höhenweg lieber weiter spazieren. Oder wir durften nicht oder hatten nicht die richtigen Schuhe an und es war ihnen zu gefährlich, denn auf der anderen Seite fielen die Rückenzacken des Drachen wie in einer Rutsche recht steil und weit nach unten ab. Manchmal kam man auch oben nicht mehr weiter und musste sich seinen Weg erst nach unten suchen, bevor man auf der anderen Seite den nächsten Zacken besteigen konnte. Ich habe es jedenfalls nie geschafft, den Drachenrücken oben rüber und auf der ganzen Länge weiter zu klettern, so lang war dieser Rücken! Und die einzelnen Zacken, die nach und nach nur noch vereinzelt aus dem Boden herausragten, so als würde der Drache immer mehr in der Erde versinken, wurden zum Klettern dann auch noch immer ungeeigneter.

 

 

Ich habe mir als Kind dann vorgestellt, dass diese Felszacken den Rücken eines schlafenden Drachen bildeten. Und in meiner Fantasie habe ich mir ausgemalt, wie das wäre, wenn dieser riesige Drache eines Tages wieder aufwachen würde, sich strecken, gähnen und herzhaft brüllen. Und sich in seiner ganzen Größe zeigen. Wir groß und mächtig müsste er sein! Und wenn er dann so da oben säße und gähnte, was würde er als nächstes tun? Es musste ein sehr kraftvoller Drache sein, denn die Kraft dieses Ortes konnte ich schon als Kind ganz klar spüren. Und ich fühlte mich innig verbunden mit dieser Kraft. Es mag verwunderlich klingen, aber sie gab mir ein wenig das Gefühl von Zuhause.

 

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„Du hast schon als Kind ganz klar das Zusammentreffen der Leylines gespürt, den Kraftlinien der Erde. Sie werden auch Drachenlinien oder Drachenwege genannt, weil die Drachen der Erde in der östlichen Sagenwelt gerne durch sie unterwegs sind. Dort, wo sich verschiedene Kraftlinien schneiden, ist gewöhnlich ein sehr kraftvoller Ort. Da steigt die Kraft entweder ganz stark aus der Erde auf und fließt nach außen oder es entsteht eine Sogwirkung, so dass alles, was dort hinkommt, sich nach einer Weile gereinigt und geklärt fühlt,“ mischte sich mein Drache ein.

 

„Wenn das so ist, dann verstehe ich auch den Effekt, den ich auf dem Berg gegenüber spürte: Da trat diese Kraft ungefiltert nach außen. Aber ich habe mich dort nicht so wohl gefühlt, nur sehr inspiriert und voran geschoben.“

 

Dieser Berg heißt „Kirschweiler Festung“ und liegt oberhalb des gleichnamigen Ortes. Beide Berge werden nur von einem engen Tal getrennt. „Warum habe ich mich dann auf der Wildenburg wohler gefühlt, Kraft ist doch Kraft?“ fragte ich.

 

„Weil du meistens mit ganz chaotischen Energien dorthin unterwegs warst. Du kamst aus der Stadt, hattest eine beschwerliche Reise hinter dir und bist ganz in die Familie eingetaucht. So viele Energien, die dich überlagerten! Das löste in dir ein Chaos an Gedanken und Gefühlen aus. Da wünscht man sich keine Verstärkung, da will man nur wieder seine Ruhe finden. Sich selbst wieder mehr spüren. Und das kann man an allen Orten der Kraft.“

 

Und dann erzählte er mir noch so dies und das über diese Drachenlinien. Das hat mich auf eine Idee gebracht, was ich als nächstes filzen werde: Drachenwege!

 

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Danach vergaß ich die Drachen ganz lange wieder und tat sie als Kinderkram ab, weil sie mir als nächstes in Michael Endes "Unendlichen Geschichte" als Glücksdrache Fuchur und in der Augsburger Puppenkiste bei „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als Frau Mahlzahn und ihre Schüler wieder begegneten. Und da hatte ich selbst schon Kinder. Ich beobachtete auch, wie es in den letzten zwanzig Jahren in den Kinderbüchern, Spielen und auch in den Erwachsenenspielen und -filmen zu einer regelrechten Überflutung mit Drachenfiguren und Drachengeschichten kam und das wunderte mich schon. Wir hatten uns noch für Winnetou und andere Indianer interessiert, aber die nächsten Generationen fanden das nur noch langweilig.

 

 

Offenbar machten Drachen den kleinen Helden Mut und gaben ihnen Spaß am Leben, dachte ich dann. Und für große Spektakel waren sie auch wunderbare Fantasiefiguren. Aber es hielt sich in mir auch das Gefühl, dass da mehr dahinter war, dass es einen Grund gab, warum Drachen in die menschliche Psyche, vor allem in die kindliche, gerade jetzt derart massiv eingespeist wurden. Kaum ein Kinderbuch oder Kinderlied kam ohne sie aus! Auch meine Drachen aus Filz wurden mehr bewundert als die anderen Lichtfilzlinge.

 

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„Wir sollten an dieser Stelle zumindest schon einmal verraten, dass alle Drachen-Geschichten in den neuen Kindern auch deren ursprüngliche Kraft wecken sollen, so dass sie sich viel weniger in der alten Gesellschaftsordnung verfangen, sondern den Mut finden, Neues zu erschaffen in ihrem Leben. Denn das wird ihre Zukunft sein.“ sagte mein Drache.

 

Wir hatten vereinbart, dass er mich unterbricht, wenn ich zu langweilig werde. Ich habe eine Tendenz zu monologisieren, die ich im Auge behalten muss.

 

„War das denn schon langweilig?“ fragte ich.

 

„Nein, aber ich wollte es auch so nicht stehen lassen. Auch wenn wir erst am Ende des Buches darauf eingehen können. Ich wollte den Grund jedoch hier schon mal kurz erwähnen, das ist nur fair.“

 

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Als Erwachsene hatte die Wildenburg ihre Faszination für mich nicht verloren. Sie wurde mein liebster Kraftplatz zum Sein, zum Spazieren und Meditieren, immer noch wildromantisch und schön. Obwohl ich nur noch selten an meinen Geburtsort zurückkehrte, musste ich doch immer zumindest einmal auf „meiner“ Wildenburg vorbeischauen. Dort habe ich dann auch meine erste Mutprobe bestanden, die ich mir selbst stellte, um meine Angst zu konfrontieren, alleine im Wald zu übernachten, und dabei entdeckt, dass die Natur ein Bewusstsein hat und mir antwortet. Die Menschen müssen die Kraft an diesem Ort schon immer gespürt haben, denn früher war die Wildenburg ein keltisches Bergheiligtum und gleichzeitig eine Fliehburg; noch heute kann man den Ringwall deutlich erkennen. Später wurde dort eine kleine Burg gebaut als Amtssitz für die örtliche Herrschaft, auf deren Ruinen steht heute ein Aussichtsturm. Auf dem Gipfel des Berges gibt es eine kreisförmig angelegte Plattform, die der Volksmund "Hexentanzplatz" nannte. Auch die regte natürlich meine Fantasie an: Trafen sich dort Menschen und saßen im Kreis - wozu? Das sah genau nach der Anordnung aus, wie wir sie als Teilnehmer spiritueller Seminare kannten!

 

 

Und Spiritualität war und blieb mein Thema, seit ich mit der ersten größeren Welle 1987 erwachte und meine Suche begann. Ich wollte diesem größeren Ganzen, diesem Alles-Was-Ist, immer noch näher kommen und ich fühlte mich ihm nirgends näher und mit allem verbunden als auf diesem Bergrücken. Wie oft kehrte ich dahin zurück um Trost und Kraft zu suchen, wenn mich das Leben mal wieder so richtig gebeutelt hatte!

 

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„Es wäre doch für die Leser interessant zu wissen, wie du aus diesem Kraftplatz einen portablen Kraftplatz gemacht hast, diese Idee finden wir zumindest immer noch genial!“ meinte mein Drache.

 

Er spielte darauf an, dass ich mir in einem Akt größter seelischer Not diesen Kraftplatz nach Berlin geholt hatte, denn ich kam ja nur noch selten nach Hause. Nicht immer lies es das Wetter zu, oder mein Besuch war zu angefüllt mit anderem, selbst wenn ich mal da war. Nun, ich habe mir dann in meiner Vorstellung einen Lichtbogen gebaut, von der Mitte dieses Rondells oben auf dem Berg zu mir an meinen Sitzplatz in Berlin. Und ich verstärkte diesen Bogen zu einem dicken Schlauch und bat auch die Wildenburg, dies umgekehrt zu tun. Und voilá, da fühlte ich mich, als wäre ich dort. Und als ich meinen Kraftplatz portabel gemacht hatte, musste ich auch nicht mehr persönlich hin: Ich hatte ihn immer dabei. Und das tat mir gut.

 

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Das Puppen- und Tiere-Basteln begann als Hobby schon als junge Erwachsene. Mit Dreißig interessierten mich vor allem Puppen aus allen Materialien. Sie bekamen einen eigenen Ausstellungsraum in meiner Heimatstadt: Julchens Puppenstube. Schon bei meinen großen Marionetten merkte ich, dass diese Puppen viel mehr mit mir zu tun hatten, als oberflächlich erkennbar war. Diese Phase nahm ein jähes Ende, als ich über mich selbst und meine Ideen erschrak. Nach einem Frosch, der sich gerade in einen Prinzen verwandelte und dem die Metamorphose noch anzusehen war, spukte auch die Idee in meinem Kopf, dass ich das Rumpelstilzchen machen sollte, in dem Moment, wo es sich selbst zerreißt. Woher kam das? Eine neue Lebensphase war eingeleitet und weil meine kleine Tochter Angst vor den großen Hexenmarionetten hatte, verschwand alles, was mich an die Puppenmacherei erinnerte für zehn Jahre. Ich holte sie erst wieder aus der Kiste, als ich merkte, dass mir was fehlte, wenn ich nur als Lehrerin arbeitete und meine Kreativität nicht auch praktisch ausdrückte. Ich hatte das Buch „Der Weg des Künstlers“ gelesen und begann wieder, diesmal wurden es zwei Babies und als die auf wenig Gegenliebe stießen, nach einer Denkpause große Tier-Handpuppen.

 

 

Es entwickelte sich dann immer mehr zu einem Gespräch mit meinem Unbewussten, denn auch Psychologie interessierte mich sehr. So erklärte ich mir zumindest nach Jahren, warum ich zu bestimmten Puppen oder Tieren inspiriert war und die dann auch noch genau zu meinen Lebensthemen passten: Dass meine Kreativität irgendwie mit einer Instanz in mir Kontakt trat, die mir bewusst nicht zugänglich war, die mich aber neugierig machte und Themen vorschlug und auch die Richtung, in der sie zu lösen seien. Ich versuchte, mehr aus meinem Unbewussten herauszulocken. Warum hatte ich gerade diesen Impuls und keinen anderen? Woher kamen die Ideen überhaupt? Es gab da ein Gefühl von „es stimmt so“, das ich selbst beim Basteln schon deutlich spürte.

 

 

Als der erste Drache entstand, war ich schon fast Fünfzig und unterrichtete als Lehrerin an einer Sonderschule in Berlin. Ich tingelte gerade als Schulmediatorin mit einem eigenen Gewalt-Präventions-Programm namens "Trau-Dich-Training" mit großen selbst gebauten Handpuppen durch die Schulklassen, und die fanden in der fünften und sechsten Klasse großen Anklang. Zwei Stücke hatte ich bereits ausgefeilt: In dem einen spielte ich eine Mediation zwischen Schaf und Nilpferd vor, im anderen ging es um Mobbing auf dem Schulhof und die Hauptfiguren waren ein Pitbull und ein Strauß. Und obwohl mir noch keine Inszenierung für ihn einfiel, entstand da auch schon als übergroße Handpuppe mein erster Drache, aus Schaumstoff, Stoff und Kleber. Kurz darauf zwang mich der zweite Burnout innerhalb von sieben Jahren den Schuldienst ganz zu verlassen. Und auch darin sah ich noch lange keinen Zusammenhang mit Drachen.

 

 

Nachdem ich aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war und mich einigermaßen wieder berappelt hatte, begann ich zu filzen, und die erstaunlichen Zufällen häuften sich. Mein Leben wurde zu einem paranormalen Abenteuer (mit Filztieren!) über die ich ausführlich in meiner Buchreihe „Hurra, die Lichtfilzlinge kommen!“ berichte. Die Drachen spielten da erst noch eine untergeordnete Rolle, ich war ja immer noch auf der Suche nach Gott. Und ich ahnte lange nicht, wo das Ganze hinführen sollte. Wie ich erst jetzt weiß, zog ich mich buchstäblich mit dem Filzen am eigenen Schopf aus der depressiven Brühe, in die mich der Burnout geworfen hatte! Und dann machte ich auch einfach so lange weiter, bis ich wirklich ganz aufgewacht war zu der, die ich heute bin. Dass ich immer dran blieb, mein volles Potential zu suchen und nicht stecken blieb, bis ich ganz in meine schöpferische Kraft kam, was sich nun vor allem auch im Filzen großer Drachen ausdrückte, das verdanke ich meinen immer gesprächiger werdenden Drachen!

 

 

In diesem Buch will ich mich auf die wenigen Erlebnisse mit meinen Drachen beschränken, ohne auf die anderen Filztiergeschichten oder die vielen Prozesse einzugehen, die von ihnen ausgelöst und in eben diesen Büchern ausführlich beschrieben wurden: Prozesse, die mich selbst zu der damaligen Zeit tief beschäftigt und mein Bewusstsein weiter umgeformt haben. Wer sich für meinen langen, komplizierten und intensiven Aufwachprozess interessiert und wie ich mich selbst ganz aus dieser zähen Matrix herausschälte, die mich umgab und immer wieder verschlang, mag dies ja an anderer Stelle nachlesen, ich will mich hier ganz auf die Drachen konzentrieren. Und dann haben sie mir ja auch außerdem versprochen, dass sie direkt an diesem Buch mitwirken.

 

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„Weißt du, rückblickend war das ja schon ein ganz langer Weg, und ganz schön zäh!“ meinte mein Drache.

 

Ich seufzte. „Wie oft hatte ich mich für besonders schwer von Begriff gehalten oder als unspirituell oder sogar als Versager abgeurteilt, weil ich immer wieder andere mit der gleichen Ausbildung, mit ähnlichen Talenten oder Arbeitsweisen an mir vorbeiziehen sah und ein erfolgreiches Business aufstellen!“

 

Ich war eine der Ersten, die eine Mediatoren-Ausbildung in Deutschland machte, oder den Reikilehrer, den Yogalehrer, den Rebirther oder Remote Viewing und so viele andere Sachen. Doch das alles war es nicht, ich fand einfach nicht, wo es hingehen sollte in meinem Leben. Dann ist die Gefahr schon groß, dass man aufgibt zu suchen. Aber das ließen meine Drachen nicht zu.

 

 

„Schau, das war doch auch alles nicht umsonst. Du hast nur soooo viel studiert: Das Leben, das spirituelle Interesse, das Aufwachen. Bis du uns geglaubt hast, dass du ein Stand Alone bist, und keine Ausbildung eines anderen anwenden oder weitergeben kannst.“

 

„Aber wie oft ich mich als Versager gefühlt habe, als eine echte Niete, bei all den Brüchen in meinem Leben! Das war nicht immer schön!“

 

„Das stimmt, und deshalb hast du nun auch Verständnis für alles. Auf sehr tiefen Ebenen. Und das war schon ein Teil deiner Lebensaufgabe.“

 

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Als der erste Filz-Drache sich bei mir meldete, hatte ich nicht einmal die Absicht, einen Drachen zu filzen. Wie es dann doch dazu kam, dass der Drachen gefilzt wurde, habe ich bereits erzählt. Es war auch noch relativ neu und überraschend, dass da ein Drache mit mir sprach, bevor ich ihn filzte, auch wenn ich das Reden in meinem Kopf schon von einem Kobold und ein paar Enten kannte. Er war einer der Ersten, die mir bereits im Entstehungsprozess genau erklärten, wie sie aussehen wollten. Vorher hatte ich nur kreative Impulse, wie ich das selbst nannte: „Der Bauch sollte dicker werden“ zum Beispiel. Doch hier konnte ich deutlich unterscheiden, dass die Stimme sogar von hinter meinem Kopf sprach, nicht aus oder in meinem Kopf. Aber ich lasse mich nicht gerne 'rum kommandieren und schon gar nicht in meinen kreativen Phasen, es war also keine einfache Beziehung zwischen mir und dem Drachen. Die Geschichte ging dann auch noch weiter. Meine Filztiere verblüfften mich und andere doch immer wieder!

 

 

Und das zumindest will ich hier auch erzählen: Regina, die damals und über mehrere Jahre meine spirituelle Lieblingslehrerin war und monatlich mit einem Seminar nach Berlin kam, hatte angekündigt, dass sie als nächstes mit einer Seminar-Trilogie nach Berlin komme, in der es um Drachen gehe. Dahinter verbargen sich allerdings weder Filztiere noch Drachengeschichten sondern Meditationen, Einweihungen und Selbsterfahrungselemente, um unser eigenes Potential zu entdecken und gemeinsam einen Beitrag für die Heilung und karmische Klärung Berlins und für die Erde selbst zu leisten. Wir Teilnehmer erhofften uns von diesen spirituellen Seminaren, uns selbst zu finden und unsere Lebensaufgabe deutlicher zu erkennen, mehr mit unserem Höheren Selbst in Verbindung zu gehen und auch mehr Magie, Kraft und Ursprünglichkeit in unser Leben zu holen. Es ging auch um eine Öffnung der eigenen - auch außersinnlichen - Wahrnehmung. Oder darum, neue Talente zu entdecken und zu üben. Regina war dafür genau die Richtig, sie hatte ein Gespür für die exotischsten Talente der Teilnehmer, es war nicht mein erstes Seminar bei ihr. Für sie und die meisten anderen war es auch selbstverständlich, Stimmen im Kopf zu hören oder von seinem Krafttier zu träumen.

 

 

Meine Filztiere machten das Ganze nur dadurch interessanter, dass sie auch noch in den Arm genommen werden konnten. Alle, die mich dort ein wenig kannten, waren davon überzeugt, dass mein Talent und meine Lebensaufgabe mit dem Filzen von Tieren zu tun hatte. Und da die Menschen, die an solchen Seminaren teilnahmen, meistens schon ganz deutlich die Energie in meinen Tieren spüren konnten und sie reden hörten, wurden sie auch die ersten Fans meiner Lichtfilzlinge. Es gab die ersten Jahre fortwährend Bestellungen, so dass ich fast nicht nachkam.

 

 

Den Hintergrund von Einweihungen stellte ich mir damals so vor: Regina kannte den unsichtbaren energetischen Weg zum Ort der Drachen und gleichzeitig zu unserer eigenen Drachenkraft auf einer höheren Ebene und verlinkte die Teilnehmer dann auch dahin, etwa so wie ein Link im Internet. Oder noch besser, dieses Programm war dann als Download für uns verfügbar und konnte weitere Upgrades erhalten. So stellte ich mir das in etwa vor. Wir würden uns nicht nur spürbar mit den echten Drachen in irgendeiner Dimension sondern vor allem mit deren Energie verbinden lernen und sie dann später auch ohne Regina besuchen oder bei Meditationen in unseren eigenen inneren Raum rufen können. Ein wenig ging das auch in die schamanische Richtung der Krafttiere. Eine gute Idee jedenfalls, sollte ich selbst einmal Drachen filzen wollen! Denn auch mir ging es um echte, auch energetisch spürbare Drachen, nicht um Knuddel-Sofa-Tierchen ohne Power. Ein Slogan fiel mir damals ein: Kuschelkunst, die gute Laune macht! Also Kuschelkunst, die energetisch wirkt und die Stimmung aufhellt, oder noch genauer. Meine Geschöpfe absorbieren die Störenergien im Raum und heben die Schwingung an. Denn das konnten mittlerweile alle meine Lichtfilzlinge.

 

 

Meine Filzgeschöpfe waren irgendwie viel lebendiger als alles, was wir sonst als Kuscheltiere kannten und keiner wunderte sich mehr darüber als ich selbst. Denn als kritische und naturwissenschaftlich interessierte Mathelehrerin stand ich allen Dingen befremdet gegenüber, die man glauben musste. Ich war bei allen spirituellen Spaziergängen doch durch und durch Verstandesmensch geblieben. Und egal, wie verrückt sich meine Filztiere auch benahmen und wie viele Zufälle passierten, ich war von Anfang an davon überzeugt, dass es für alles eine natürliche Erklärung gibt, auch dafür. Und ich wollte sie finden. Das war sozusagen meine Mission und auch der Leitfaden für meine Bücher. Ich ging mit immer mehr Gewissheit davon aus, dass auf anderen Ebenen oder in anderen Dimensionen wirklich Wesen wie Drachen existieren könnten, für die ich über die Filztiere eine Verbindung erschuf, die man sich etwa so vorstellen konnte wie ein Handy. Das kann dich ja auch mit deiner Oma verbinden, selbst über eine große Distanz, ohne dass du sie siehst. Das war meine nächste Arbeitshypothese. Es gab also tatsächlich Drachen oder es hatte sie zumindest mal gegeben. Regina bestätigte mich darin, denn nach der ersten Nacht mit ihrem Drachen berichtete sie, dass sie den Drachen sehen könne, er würde wachsen, und jedes Mal, wenn sie hinschaue, sei er größer geworden.

 

„Jetzt ist er schon so groß wie eine Kuh, aber noch sehr, sehr jung. Sozusagen gerade erst geschlüpft. Und es ist kein Er, sondern eine Sie, ein Drachenmädchen, und von dem hatte ich schon vor ein paar Wochen geträumt. Ich kenne es aus meinen Träumen!“

 

 

Als sie in der Pause auf mich zusteuerte, fiel mir die Ähnlichkeit der beiden auf: Regina und ihr Drache besaßen offenbar das gleiche anspruchsvolle Naturell, denn sie sagte sehr bestimmend zu mir: „Der Drache kann so nicht bleiben. Die Flügel sind nicht in Ordnung und der ganze Kerl hängt durch, der Kopf muss nach oben und außerdem fällt er nach vorne, für das Gleichgewicht musst du auch noch was tun.“ Das gleiche gebieterische „du musst“, das ich schon vom Drachen kannte!

 

In der nächsten Nacht schlief ich nur zwei Stunden, und das, obwohl das Seminar tagsüber schon anstrengend genug gewesen war. Aber ich konnte auch nicht anders, ich fand einfach keinen Schlaf, es war irgendwie zwingend. Es dauerte auch nicht lange, und ich wusste, was zu tun war. Eigentlich hatte Regina mich mit der Zurückweisung des Drachen gekränkt, doch dann erkannte ich, der Drache war nicht falsch gewesen für Regina, die Sache hatte sich nur viel komplizierter entwickelt. Denn alle Mängel und Fehler stimmten letztendlich doch und hielten mich auf der richtigen Spur zu einem noch besseren Drachen. Auch Fehler passierten nicht zufällig. Dieser Drache war der Beweis, denn mit dem stolz erhobenem Haupt und den orangenen Punkten sah er toll aus. Selbst die Flügel waren nun sehr ansehnlich geworden. Am nächsten Morgen brachte ich den verbesserten Drachen mit zurück ins Seminar und Regina war sichtlich zufrieden.

 

 

Im Nachhinein war ich davon überzeugt, dass erst meine Teilnahme am Seminar, die Einweihungen und die dortige begeisterte Aufnahme des Drachen mich befähigt hatten, den Drachen nachts noch so viel besser hinzukriegen. Hatte der Drache nicht auch gesagt: „Wenn du Drachen machen willst, brauchst du diese Einweihungen!“ Na klar! Ich brauchte wirklich noch die intensiven Drachen-Einweihungen von Regina, ich bin ihr auch heute noch dankbar dafür.

 

 

Wenn ich später mit Kursteilnehmern Drachen filzte, konnte ich ganz klar beobachten, dass diejenigen, die einfach nicht fertig wurden oder wo er nur schlapp 'rum hing, auch selbst noch nicht bereit waren, ihr volles Potential zu beanspruchen. Ich badete sie zwar in Einweihungsenergien, aber sie öffneten sich einfach nicht. Sie konnten sie noch nicht empfangen, sie waren noch nicht bereit dazu. Das Drachenfilzen war ein ehrlicher Ausdruck dessen, wo die Menschen selbst in ihrer Entwicklung standen.

 

Bei dem Drachen war ich übrigens ganz abgeschrieben. Seit er Regina das erste Mal gesehen hatte, wollte er mit mir nichts mehr zu tun haben, er redete auch nicht mehr mit mir. Ich spürte das an einer Grenze oder an einer Abneigung, von mir noch einmal gehalten zu werden. Es konnte aber auch sein, dass ich unbewusst sogar froh war, diesen mit mir sprechenden Drachen in gute Hände abgegeben zu haben, denn insgesamt fühlte ich mich von der Erfahrung auch überfordert, dass ich da scheinbar lebendige Wesen aus anderen Dimensionen hierher holte. Und ich hielt mir auch immer noch offen, dass es dafür eine andere Erklärung gab.

 

 

Zurück zum Seminar. An diesem Tag saß Regina genau gegenüber einer großen Ente von mir, die Christian kurz zuvor bekommen hatte. Sie hatte mehr Ausdruck und Power als alle Filztiere davor, deshalb nannte ich sie „Lichtfilzling“. Der Name für meine Filztiere war grade erst geboren worden, doch alle spürten das Licht in ihm und fanden den Namen ganz passend. Licht und Energie waren für uns austauschbare Begriffe für dieses körperlich wahrnehmbare Strömen, das wir zum Beispiel von Reiki kannten.

 

Ihren Drachen setzte Regina schräg hinter sich auf eine Wolldecke, eigentlich also zwischen mir und ihr, denn ich hatte es mir gleich neben ihr bequem gemacht. Dort saß er in einem toten Winkel. Die Ente dagegen rückte nun ständig in Reginas Blickfeld und sie machte wiederholt witzige Bemerkungen über sie. Regina schäkerte geradezu mit ihr, sie konnte sehr amüsant sein. Schließlich gab sie ihr dann auch noch ihren Namen: Anna Karana. Weil es in diesem Seminar auch um die Antakarana ging, unsere Verbindung zum Höchsten Selbst.

 

 

Der Drache – viel eigenwilliger und überhaupt nicht offen für irgend jemand anderen aus der Runde – saß derweil unbeachtet hinter uns. Auf einmal spürte ich deutlich einen wachsenden Groll, ziemlich viel Ärger und Eifersucht! Ich vermutete sofort, dass diese Gefühle vom Drachen stammten. Ich selbst war es jedenfalls nicht. Und von Regina kam das auch nicht. War das möglich? Ich schaute mich im Kreis um, wie die anderen Teilnehmer so drauf waren. Aber alle Anwesenden saßen in einem friedlichen emotionalen Zustand, sie waren entweder ganz in Frieden, gerade dran und teilten eine Erfahrung mit der Runde oder merkten auch gerade verwundert auf. Dieser Groll musste vom Drachen ausgehen! Die Bestätigung kam umgehend von Regina selbst: Die schien sich auch plötzlich dessen bewusst zu werden, drehte sich um und holte den Drachen nach vorne und in den Arm, wo sie ihn herzte und küsste. Dabei entschuldigte sie sich immer wieder bei ihm und sprach beruhigend auf ihn ein, bis sich das Feld von Groll vollständig aufgelöst hatte. Nun durfte der Drache für den Rest des Tages vor ihr sitzen.

 

 

Whow, das war heftig, was für ein Temperament! Und offensichtlich hatten das auch die meisten anderen Teilnehmer gespürt, wie ich nun an ihren Reaktionen ablesen konnte. Da hatte eine ziemlich kraftvolle Wolke aus Zorn im Raum gestanden. Das Erlebnis mit dem grollenden Drachen im Seminar verblüffte alle. War dieser Drache doch tatsächlich eifersüchtig auf die Ente gewesen! Und so begann ich wieder darüber nachzudenken, was es mit Drachen so auf sich hat. Ob es sie doch gibt in anderen Dimensionen, ob es sie früher auch auf der Erde gegeben hatte und was ich da eigentlich machte, wenn ich filzte.

 

 

Der Drache kam nie wieder mit zu Seminaren. Regina erzählte mir später, dass sie dem Drachen erst einmal die ganze Wohnung gezeigt und ihm dann ihren Partner vorgestellt habe, und der sei auch vom Drachen akzeptiert worden. Er durfte ihn sogar streicheln. Bauchkraulen mochte der Drache besonders gern. Andere Puppen des Hauses wollte er nicht kennenlernen und sehr schnell fand er seinen Platz oben im Regal, so dass er das ganze Büro der beiden übersehen konnte. Die Drachendame wurde dort noch von vielen Besuchern bewundert und war der Anlass für weitere Drachenbestellungen, noch lange Zeit später. Aber ich selbst fühlte mich im Nachhinein mit diesem Drachen nicht mehr wohl, denn obwohl er mir phänomenal gut gelungen war, hielt sich in mir das Gefühl, ich sei nur ausgenutzt worden. Die anderen Filztiere zeigten mir gegenüber viel mehr Dankbarkeit und waren gerne mit mir zusammen, aber dieser Drache hatte nichts anders im Sinn, als schnellstens weg und zu Regina zu kommen und wollte dann mit mir nichts mehr zu tun haben. So fühlte ich mich von ihm einfach nicht genügend gewürdigt, obwohl er doch Wort gehalten und die Dracheneinweihungen für mich tatsächlich eingetauscht hatte.

 

 

Aber das lief nur halb bewusst in mir ab und mein Stolz auf dieses Prachtstück gewann nach einer Weile die Oberhand. Und als ich mich kurz darauf an den Entwurf einer ersten Webseite setzte, war mir klar, dass dieser Drache auf die Startseite musste. Und auch die Geschichte darüber, wie mir ein Drache im Nacken saß und mit mir redete. Regina gab ihr Einverständnis. Das war 2005. Meiner Webseite brachte dies bereits einige Wochen nach ihrem Erscheinen eine kleine Erwähnung in der Rubrik 'schrägste Esoterikseiten' ein. Dort befleißigte sich jemand, vor solchen esoterischen Spinnern wie mir zu warnen.

 

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„Nun sollten wir aber mal auf die Drachen zu sprechen kommen, die echten natürlich,“ ermahnte mich mein Drache. „Das ist ja alles ganz schön und gut, dass du davon erzählst, wie wir mehr und mehr in dein Leben traten. Und was das mit deinen damaligen Themen zu tun hatte, mag ja den einen oder anderen Leser auch interessieren. Die Frage, die immer noch im Raum steht, ist jedoch: Gibt es Drachen wirklich?“

 

Dass Drachen immer so direkt sein müssen! Ich selbst hatte diesem Punkt ausweichen wollen so lange es ging. Sollte ich jetzt schon Farbe bekennen? Konnte ich mir denn sicher sein? Ich zögerte. Es war auch einfach noch zu früh im Buch.

 

„Nein, natürlich kannst du dir nicht sicher sein,“ sagte mein Drache und stubbste mich mit der Nase an, dass ich fast aus dem Gleichgewicht geriet. „Doch was ist schon sicher! Was ist schon real!“

 

„O.K. dann oute ich mich mal:“ entschied ich. „Ich selbst bin ein Drache. Und natürlich habe ich mich auch schon ganz oft als Drache inkarniert. Aber eben noch viel öfter als Mensch. Das weiß ich mittlerweile einfach.“

 

Ich sah meinen Drachen fragend an. „Bist du jetzt zufrieden?“

 

„Halten wir also fest: Es gibt Drachen wirklich,“ sagte er. Und du bist eine von uns.“

 

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Der erste Drache blieb auch lange der einzige Drache, der mit mir geredet hatte. Nach einer Pause von neuen Monaten erhielt ich einige Drachenbestellungen, aber die sagten kein Wort. Diese Drachen sahen auch ganz anders aus, irgendwie viel sanfter, netter und vor allem viel beliebiger und gewöhnlicher, wie ich fand. Ein ganz kleiner Drache machte da eine Ausnahme, er wurde der Liebling unter meinen ersten Drachen. Sehr frech, vorwitzig und grün. Er hatte auch schon ziemlich viel Power und ähnelte darin dem ersten Drachen. Er war eine Bestellung für eine gestandene Businessfrau, die gleichzeitig hoch spirituell, geerdet und erfolgreich war und auch darin Regina ähnelte. Möglicherweise gab es da einen Zusammenhang. Nicht ich entschied offenbar, wie stark die Drachen wurden, sondern die Kundschaft. Alle anderen waren mir selbst zu lieblich und einander viel zu ähnlich. Ich merkte, ich wollte nicht einfach bloß nett filzen, das war mir so zuwider wie früher die netten Sofapüppchen. Aber ich hatte sie auch nicht kräftiger und frecher hingekriegt, nicht einmal energetisch. Es gelang mir einfach nicht! Heute denke ich, es gab auch in meinem Umfeld keinen mehr, der einen Powerdrachen verkraftet hätte. Wir waren noch nicht so weit, wir alle. Ich selbst auch noch nicht. So wandte ich mich wieder anderen Filztieren zu und vergaß die Drachen.

 

 

Es dauerte weitere neun Monate, da überwarf ich mich mit Regina, weil sie darauf bestand, dass ich die Bilder ihres Drachen nicht veröffentlichen dürfe. Ich hatte die besten Fotos meiner Lieblinge auf Tassen und anderen Fotoprodukten drucken lassen und wollte sie über meine Webseite vermarkten. Ich hielt das für eine gute Idee. So schön wie die damals beliebte Didl-Maus waren meine Lieblinge doch allemal! Ich fiel aus allen Wolken, als Regina so drastisch darauf reagierte. Sie war so entsetzt, sie konnte nicht einmal mehr selbst mit mir reden. Sie benahm sich, als würde ich meine Lieblingslehrerin persönlich gefährden! Und es sollte auch noch Jahre dauern, bis ich sie darin endlich verstand. Dieser Konflikt führte zu unserer endgültigen Trennung und sie wollte nie wieder etwas mit mir zu tun haben, ja sie warnte in einem offenen Brief nun sogar alle ihre Schüler vor mir. Ich lernte dabei jede Menge, wovon ich in „Hurra, die Lichtfilzlinge kommen“ ausführlich berichte und deshalb hier nicht näher darauf eingehen will. Nur so viel: Ich musste ihren Drachen schleunigst von meiner Webseite nehmen, denn der passte nun überhaupt nicht mehr, und ich brauchte einen Ersatz, bei dem ich mit niemandem 'rum diskutieren müsste, wenn ich sein Bild verwende. Es wurde also eigentlich Zeit, mir einen eigenen Drachen zu filzen, denn bisher hatte ich immer nur bestellte Drachen für andere gefilzt. Ich kam zu der Zeit meist nicht einmal nach mit all den Lichtfilzlingen für andere.

 

 

Das Ergebnis von nur vier Wochen Arbeit war Giulio, der erste Drache, und der blieb auch bei mir und sitzt selbst heute noch in den Coachings neben mir. Welches Thema spielte mir mein Unterbewusstsein zu? In meinem eigenen Leben ging es ebenfalls um Unabhängigkeit. Diese Lehrerin hatte mich so weit geführt, wie sie konnte, nun musste ich alleine weiter gehen und meine Lebensaufgabe selbst entdecken und weiter entwickeln, das spürte ich ganz deutlich. Darum ging es jetzt in meinem Leben. So war es nur logisch, dass ich auch einen eigenen Drachen für meine Startseite brauchte, denn Reginas Drache saß ja noch dort und bewachte meinen Besuchereingang zur Webseite. Damit bestimmte Regina auch energetisch, wo es mit meinen Lichtfilzlingen hinging. Und ich war nun mal nicht Regina! Eigentlich hätte mir der Zusammenhang schon klar werden müssen, als ich ihn dorthin setzte: Dass nämlich Regina mit diesem Drachen auch meine Webseite und mein Leben dominierte. So war ich erleichtert, als ich den alten Drachen endlich gegen den neuen eintauschen konnte.

 

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„Darauf solltest du näher eingehen, wie meinst du das mit 'sie bestimmte energetisch wo es hinging'?“ unterbrach mich mein Drache.

 

„Regina hatte sicher eigene Wahrnehmungen und Vorstellungen darüber, welches Potential meine Filztiere besaßen, aber ich wusste das deshalb noch lange nicht. Und selbst wenn ich es gewusst hätte, ich hätte es ihr damals nicht geglaubt. Und sie wusste auch schon viel mehr über Energien und Schwingungen und konnte sich wunderbar schützen. Ich glaube, sie war so erschrocken, weil sie gemerkt hat, dass ich noch nicht das Bewusstsein besaß und sie leichtsinnig im Umgang mit den Lichtfilzlingen war. Aber ob das wirklich eine Rolle spielte, kann ich ja nur vermuten.“

 

„Und du meinst, das war eine einseitige Angelegenheit? Dass sie dir und deiner Webseite kraftvoll auf die Sprünge half?“fragte mein Drache.

 

„Nein, das war durchaus ausgeglichen, das tut ein guter Lehrer doch immer. Das ist Teil seines Jobs, dafür wird er bezahlt. Und sie sagte mir einmal, dass die neuesten Anekdoten über die Lichtfilzlinge die idealen Pausengespräche in ihren Seminaren seien, dann würde die Schwingung nicht so absinken und sie könne viel leichter weiter machen. Also habe ich sie zu dem Zeitpunkt auch schon umgekehrt unterstützt, würde ich mal sagen.“

 

„Gut, aber welchen Einfluss hatte das auf deine Webseite?“

 

„Na, ihre Vorstellungen und meine vermengten sich. Ich konnte sie aber noch nicht erfüllen, ich musste doch einfach erst hineinwachsen wie in eine zu große Hose. Und mein Leben würde dann vielleicht auch noch eine ganz andere Wendung nehmen, denn Potential ist das Eine, Umsetzung eine andere. Deshalb konnte meine Webseite auch noch nicht überzeugen. Ich selbst habe auch schon in vielen Menschen Potentiale wahrgenommen, nur um dann festzustellen, dass sie sie doch nicht umsetzen wollten. Die meisten Menschen sind mit viel, viel weniger zufrieden. Und Regina ging das mit mir sicher auch so. Sie sah ganz bestimmt das Potential. Ich nicht.“

 

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Mittlerweile waren schon viele Drachenkinder in die Welt hinaus gezogen, doch dieser neue Drache wurde wieder etwas ganz Besonderes, und das nicht nur, weil er bei mir blieb und mit mir redete. Er wurde rot und trug ganz viele Schuppen und Muster und an ihm saß ich auch wieder sehr, sehr lange, obwohl mir das Filzen doch nun schon viel schneller von der Hand ging. Ich schätzte am Ende, dass es mehr als fünfzig Stunden dauerte, aber die Arbeit hatte sich gelohnt. Mit ihm stellte ich meine Webseite auf eine neue Basis, unabhängig von Regina.

 

 

Als ich noch an ihm filzte und er langsam unter meinen Händen immer bunter wurde, geriet ich in eine leichte Trance und fühlte mich plötzlich selbst als ein Drache. Ich war groß und kräftig gebaut, viel, viel größer als ein Mensch. Und ich schnaubte so vor mich hin. Da spürte ich neben mir die Annäherung eines zweiten Drachen in einem Balzritual. Neckend biss der mich in meinen langen Schwanz, eher zärtlich. Danach rieb er Seite an Seite seine Schuppen an meine und beknabberte meine Rückenzacken. Das törnte mich ganz schön an. Und dann - von einem Augenblick zum anderen - wurde er im Spaß ganz wild und ich flüchtete vor ihm in die Luft, schon sehr in Liebe zu ihm ergriffen und freudig erregt. Wir lieferten uns eine atemberaubend schnelle Verfolgungsjagd durch die Lüfte, elegant, stürmisch und weit übers Land. Schließlich landete ich erschöpft auf einem Felsplateau, er dicht daneben und wir liebten uns – es war fantastisch, sehr erotisch und einfach wunderbar! Ja, wir beide gaben ein aufregend schönes Drachenpaar!

 

 

Ich ließ den Tagtraum ganz langsam ausklingen, denn ich duldete es mittlerweile nicht mehr, dass mein Verstand eine Erfahrung zu schnell auf den Seziertisch legte und auseinander nahm. Whow – so viel Liebe, Vertrauen, Kraft, und was für ein Sex! Die beiden Drachen fühlten sich wie ganz alte, vertraute Partner. Doch schließlich meldete sich auch mein Verstand wieder und bestand auf seiner Analysegewohnheit. Was sollte ich denn nun davon halten? War ich in einer anderen Dimension sogar selbst als Drache inkarniert? Wenn es schon mal andere Leben gab, war es da nicht logisch, dass diese Inkarnationen nicht immer ein menschliches Aussehen hatten? Gab es mich also früher oder parallel auch in einer Drachenwelt? Das Erleben war so ursprünglich und kraftvoll, als sei ich wirklich echt dabei gewesen!

 

 

Der Filzdrache in meinen Händen ging derweil seiner Vollendung entgegen. Ein gelungener Drache, und ein prachtvoller und kraftvoller dazu! Und ich nannte meinen Freund aus der Welt der Drachen 'Giulio'. Von nun an saß Giulio an meinem Bett. Vor dem Einschlafen warf ich noch einen letzten Blick auf ihn und wir redeten ein paar Takte. Er passte im Schlaf gut auf mich auf, und manchmal hielt ich ihm die Pfote. Auch sonst fühlte ich mich kräftig durch ihn unterstützt, vor allem, wenn ich an den Konflikt mit Regina dachte. Denn wie das Ende so abgelaufen war nach all unseren guten gemeinsamen Zeiten, das kränkte mich sehr. Und ich war traurig, so als hätte ich meine Mama verloren und müsste nun alles selbst und alleine machen. Und das stimmte ja auch.

 

 

Nun saß dort auf der Startseite also Giulio, mein eigener Drache. Und da sollte er auch noch lange bleiben. Sobald ich die beiden ausgetauscht hatte, fühlte ich mich selbst auch von Tag zu Tag wieder kraftvoller und geerdet. Giulio vertraute mir übrigens an, er sei ein wenig italienisch angehaucht und sein Name sei nicht zufällig so mediterran. Denn er fresse besonders gerne Pizza. Da hatten wir also etwas gemeinsam. Und er bewunderte unverhohlen die internationale Marketingstrategie der Italiener, um sich so ganz ohne Franchising-Kosten überall auf der Welt selbstständig zu machen: Einfach die italienische Fahne raus hängen, und jeder selbst in Honolulu dachte dann nur noch an Eis, Spagetti und Pizza. Und Giulio schielte mich so von schräg unten an, weil er wusste, dass ich mir gerade Gedanken um die weitere Vermarktung meiner Lichtfilzlinge machte, und sagte: „Wir sollten uns die italienische Strategie mal genauer anschauen, meinst du nicht?“ Und grinste dabei sehr süffisant.

 

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Seit Regina mich abgekanzelt hatte, kamen keine Bestellungen mehr, absolut keine. Der neue Shop auf der Webseite war ebenfalls ein Flop, auch meine Workshops fanden fast keine Resonanz, meine Paterre-Wohnung wurde außerdem innerhalb eines Monats zweimal überschwemmt und das zwang mich dann schneller auszuziehen, als mir lieb war. Die ganze Stadt war zu anstrengend geworden, ich musste weg. Dass ich dann ein Reisemobil kaufen konnte, grenzte an ein Wunder und war gleichzeitig meine Rettung. Mit an Bord kamen alle meine verbliebenen eigenen Lichtfilzlinge. Das Alkovenbett teilte ich mir mit dem großen Engel, mit Bluestar, meinem Drachen Giulio und einem großen Delfin. Gegenüber saß Buddha mit den beiden Enten. So war ich nie allein. Und es tat gut, an der Seite meiner Lichtfilzlinge zu schlafen, in den einsamen Nächten meines Rückzugs von der Welt, denn schwer war es in den Monaten im Reisemobil. Bedrohliche existentielle Themen trieben mich immer wieder in Krisen. So war ich wirklich froh um ihren Beistand.

 

 

Mit meinem Drachen sprach ich meist noch ganz lange vor dem Einschlafen, denn der saß neben meinem Kopfkissen und hörte sich mein Lamentieren ebenso geduldig an wie meine neuesten Theorien. Ich konnte aber auch schimpfen und weinen und das beruhigte mich sehr. Giulio begleitete mich mit täglichen Gesprächen auch durch den nun folgenden, heftigsten Teil meiner körperlichen und seelischen Umwandlungsprozesse (in spirituellen Kreisen auch Lichtkörperprozess genannt) und saß immer dicht neben mir, als ich wie ein Eremit zurückgezogen in diesem Reisemobil lebte und Heultiraden und Wutgefühle über mich hinweg spülten und mein Körper dabei die verrücktesten Symptome entwickelte. Denn ich sortierte mein Leben. Alles musste raus und entsorgt oder neu geordnet werden. Da blieb kein Stein auf dem anderen. Der Burnout war nur der Anfang gewesen.

 

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„Wenn wir das so stehen lassen, wirst du den Lesern Angst machen, dass ihnen auch so etwas bevor steht, wenn sie sich mehr für Drachen interessieren. Damit erweist du unserem erklärten Ziel keinen guten Dienst.“ meinte mein Drache vorwurfsvoll. „Vielleicht ist dies der richtige Zeitpunkt, um darauf zu sprechen zu kommen, dass das jetzt alles längst anders ist.“

 

 

Ich zögerte. Ich merkte gerade, dass mein Drache mein ganzes Konzept zerhackte. Aber er hatte ja recht. Die Erde selbst hat ihre Eigenschwingung (Die Schumannfrequenz, wenn du es nachschlagen willst) in den letzten zwanzig Jahren fast verdoppelt und seit diesen Erlebnissen waren auch schon wieder zehn Jahre vergangen, nun ging es ganz leicht. Easy going. Und das lag auch daran, dass es immer mehr Menschen gab, die ihre Schwingung durch ihre eigene spirituelle Entwicklung immer weiter erhöht hatten oder sogar schon ganz zu ihrem höchsten Potential aufgewacht waren.

 

 

„Du meinst also, „ fragte ich ihn, „wir können sicher sein, dass unsere Leser, sollten sie sich dafür entscheiden, einen Weg vorbereitet finden, der sich ausschließlich lohnt, ohne noch zu so drastischen Symptomen wie bei den Pionieren zu führen?“ Ich selbst hielt mich nämlich für einen dieser Pioniere.

 

„Ganz genau!“ war die Antwort. „Und dieses Buch schreiben wir als eine Gebrauchsanweisung für mehr Gesundheit, Erfüllung und Freude. Denn wenn es das höchste Potential eines Menschen ist, dass er bewusst erschaffen lernt, dann wird er sich genau das doch auch erschaffen wollen.“

 

Da hatte er mir doch schon wieder vorgegriffen! Ich seufzte. Man hatte es nicht leicht mit einem Drachen.

 

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Als die Filz-Drachen in mein Leben kamen, wollte ich es natürlich auch genauer wissen, ich wurde auch oft nach dem Hintergrund gefragt und wusste keine Antwort. Offenbar hatte Drachen eine Bedeutung, nicht nur für mich. Denn meine gesamte Umgebung reagierte auch am stärksten auf meine Drachen. So ging ich auf die Suche und las an Büchern über Drachen alles, was ich in Deutsch und Englisch finden konnte. Dabei interessierten mich nicht die modernen Fantasy Geschichten, sondern vor allem traditionelle Sagen und Legenden, alle alten Sichtweisen und Konzepte, die weltweit zu Drachen überliefert wurden. Ich suchte nach dem geschichtlichen Kern und nach der realen Wirkung von Drachen. Da musste doch mehr dahinter sein! Das spürte ich einfach. Und schließlich hatte ich es ja auch erlebt, dass meine Filzdrachen eine reale Wirkung auf die Menschen und ihr Leben hatten.

 

Deshalb will ich hier auch nicht auf Romane oder die gespielt ernsten Drachologie-Fachbücher eines Drakes eingehen mit ihren wundervollen Drachenzeichnungen, über die ich mich köstlich amüsiert habe und die natürlich nicht in meiner Bibliothek fehlen. Es geht mir nicht um Fantasy, mir ist es ernst mit den Drachen. Ich habe drei Haupt-Hypothesen gefunden: Nummer Eins: Mit Drachen wurden Naturkräfte identifiziert, und dann stellte man sich vor, Drachen wären auf den Laylines unterwegs, weshalb man diese auch Drachenwege nannte. Nummer Zwei: Die Überlieferungen mit den Drachen sind wahre Geschichten. Die Drachen kamen mit Raumschiffen auf die Erde. Alle Hochkulturen auf der ganzen Welt wurden von Aliens besucht, um ihnen bei der Gründung zu helfen. Sie wurden als Götter verehrt und sahen nicht nur den Klinggonen in Startrek ähnlich, sondern ähnelten ihnen auch im Temperament. Und sie hatten eine Haut ähnlich Schlangen oder Reptilien, gingen aber aufrecht und sprachen mit den Menschen. Und Nummer drei: Wir alle haben einen inneren Drachen. Sowohl die Tradition des Daoismus als auch des buddhistischen Zen verwenden dieses Bild. Ihr Weg in die Meisterschaft führt durch das Drachentor: Ziel ist es, den eigenen inneren Drachen zu wecken. Damit der das höchste Potential freigibt. Dieses Buch beschäftigt sich mit der dritten Hypothese.

 

 

Im Internet findet man auch noch Webseiten von Drachen für Drachen. Das sind Menschen, die sich selbst als Drachen sehen oder die von anderen medial so wahrgenommen werden. Sie lieben nicht nur Drachen und umgeben sich damit, sie halten ihre menschliche Gestalt auch für eine Ausnahme, die sie nur in diesem Leben angenommen haben. Es ist aber nicht ihre bevorzugte Gestalt. Eigentlich fühlen sie sich als Drachen und waren auch meistens als Drachen inkarniert. Früher hätte ich solche Coming-Outs belächelt und um diese scheinbaren Möchtegern-Drachen einen Bogen gemacht. Heute nehme ich diese Wahrnehmungen ernst, und das, seit ich beim Filzen meines Drachen Giulio etwas Ähnliches erlebt hatte. Denn nun könnte man mir leicht das Gleiche unterstellen. Ich schließe also nicht aus, dass ich auf anderen Ebenen, in anderen Leben oder in anderen Dimensionen bzw. Universen ein Drache gewesen bin.

 

 

Es mag noch viel mehr Hypothesen zu Drachen geben, doch in den meisten Büchern wiederholen sich diese Ideen: Es gab Drachen wirklich, oder es gab sie nicht, sie sind Erfindungen unserer Psyche und Interpretationen von Naturkräften oder einer unberechenbaren Kraft in uns. Oder es gab Aliens, die wie Drachen aussahen. Und die Herrscher der ersten Zivilisationen führten ihre genetische Abstammung auf sie zurück, um ihre Herrschaft zu rechtfertigen.

 

 

Den Lesern mag aufgefallen sein, dass ich bisher nicht auf religiöse Legenden eingegangen bin, obwohl da doch sogar Menschen zu Heiligen erklärt wurden, weil sie einen Drachen getötet hatten.

 

Drachen und fliegende gefiederte Schlangen kommen weltweit in vielen Schöpfungsmythen vor. Man findet diese Vorstellung von gefiederten Schlangen oder Drachen auch rund um den Globus verbreitet, und oft werden diese Wesen gottgleich verehrt oder als falsche Götter bekämpft, sie stehen jedenfalls meistens in einem religiösen Kontext. Dabei lässt sich nicht genau unterscheiden, ob da gerade von Schlangen mit Flügeln oder von Drachen die Rede ist. Es scheint, als seien sie austauschbar. Der Schlange im Garten Eden aus der Schöpfungsgeschichte der Bibel widme ich ein ganzes Buch „Reich mir den Apfel, Eva!“, weshalb ich mich auch in diesem Buch nicht weiter mit biblischen Vorstellungen über Drachen beschäftigen will.

 

 

Die chinesischen Kaiser (Himmelssöhne) brüsteten sich sogar damit, von Drachen abzustammen. Der einfache Mensch aus dem Volk durfte sich nicht mit Drachen umgeben, da wurden sogar die Zehen des Drachen gezählt, und so viele, wie beim chinesischen Kaiser durfte kein andere Drachendarstellung bei seinen hohen Beamten haben, nicht einmal der König von Burma hätte sich das getraut, und der lebte doch relativ weit weg. Den einfachen Leuten brachten diese Drachen kein Glück, das waren Sklaven. Die Deutung, dass Drachen Glück bringen, bezog sich ursprünglich auf den Kaiser und sein Imperium. Sicher ist sie erst viel später als glücksbringend in die chinesische Seele eingeflossen. Aufgefallen ist mir jedenfalls, dass sich weltweit die Herrschenden alle mit Drachen und Schlangen identifiziert haben, die Priester, Kaiser und Könige. Keiner sonst hätte sich das getraut. Das gemeine Volk kam nicht einmal in die Nähe solcher Tempel, Paläste oder anderer Gärten Eden. Auch in der biblisch-christlichen Tradition mussten die Drachen als Wasserspeier auf Kathedralen sitzen, kamen ins Wappen mächtiger Könige und man macht auch sonst viel Aufhebens um sie und ihre heldenhaften Drachentöter. Was haben die Mächtigen der Welt nur immer mit diesen Schlangen und Drachen? Und nur in der jüdisch-christlichen Tradition wird der Drache mit dem Bösen in Verbindung gebracht und diverse Heilige als Drachentöter verehrt. Das ist doch seltsam!

 

 

Ich habe auch viel darüber nachgedacht warum im Christentum Männer ausgesandt wurden, um Drachen zu töten, und dafür heilig gesprochen wurden. Als ob man seinen eigenen Schatten töten könnte! Denn wenn sie auszogen, das Böse zu bekämpfen, dann reichte es niemals, das draußen einen Drachen zu töten! Und es wäre auch unsinnig, mit der Drachenkraft in sich so umzugehen. Aber darauf kommen wir noch.

 

 

Was wäre eigentlich, wenn diese ganzen Autoren und Traditionen alle recht hätten und eine einzige Geschichte erzählen, nur aus verschiedenen Perspektiven, die überall auf der Erde passierte und in der Drachen eine Rolle spielten? Die Schlange (Schlange und Drache werden oft gleichgesetzt, deshalb tue ich das auch) im Garten Eden hatte Eva gelockt, die Frucht vom Baum der Erkenntnis von gut und böse zu essen und als Eva das tat und Adam auch, waren sie im Garten nicht mehr willkommen. Man wollte verhindern, dass sie auch noch vom Baum des Lebens äßen und gar selbst wie Gott würden, wo sie jetzt schon mal über die Gabe verfügten, sich so ihre eigenen Gedanken zu machen, statt einfach nur brav zu dienen und zu verehren. Diesem Thema habe ich ein eigenes Buch gewidmet: „Reich mir den Apfel, Eva!“ indem ich der Frage nachgehe, was eigentlich passiert wäre, hätten die beiden auch noch vom anderen Baum gegessen. Und natürlich gab mein Drache wie immer auch auch da seinen Senf dazu. Da bin ich auf eine noch tiefere Bedeutung des Drachensymbols gestoßen, und nichts hat mich mehr überrascht als das, was ich da zu Tage förderte und darin darstelle, deshalb gehören die beiden Bücher auch zusammen. Ihre Bedeutung ist noch größer, als ihr euch in den kühnsten Träumen vorstellen könnt und hat das Potential zu einem Evolutionssprung der gesamten Menschheit!

 

Viele Erfahrungen mit meinen eigenen Drachen und mit drachen-bestellenden Kunden haben mich noch auf eine ganz andere Fährte gelockt, und der will ich in diesem Buch folgen: Fühlt sich ein Mensch von Drachen fasziniert oder sogar reif für einen Drachen, will ihn sein Unterbewusstsein manchmal einfach darauf aufmerksam machen, dass er an der Schwelle steht, in die eigene Meisterschaft einzutreten, wie auch immer er sie für sich definiert. Dass sein nächster Schritt damit zu tun hat, selbstständig, unabhängig und frei zu leben und bewusst zu erschaffen.

 

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„So, da wären wir dann endlich bei unserem Thema. Denn da kennst du dich mit aus. In diesem Buch geht es um die innere Reise zu sich selbst, und es wird Zeit, dass wir vorankommen.“ Mein Drache wirkte ungeduldig. „Auch wenn du ihn schon hinter dir hast, wir folgen erneut dem Drachenweg. Wir konzentrieren uns auf den Drachen im Schatten. Aber eben easy going. Nicht, wie die alten Meister das beschrieben haben. Instant und leicht sozusagen.“

 

 

„Gut, aber ich wollte den Lesern doch zumindest kurz darstellen, was andere mit dem Drachenthema verbinden. Und ich letzten Endes ja auch. Denn alle haben recht.“ verteidigte ich mein Vorgehen, denn ich war seinem Rat nicht gefolgt, er wollte, dass ich diese Zitate ganz lasse.

 

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In den östlichen Traditionen der Meisterschulen des TAO oder ZEN wird der Weg in die Meisterschaft oft auch als Drachenweg bezeichnet. Am Ende des Drachenwegs steht Meisterschaft. Die Literatur darüber spricht viel vom inneren Drachen, den es zu wecken und zu zähmen gilt, so dass er zu einem hilfreichen Gefährten wird, statt als mächtiger Saboteur im Unterbewusstsein weiter zu wirken. Dabei steht der Drache symbolisch für den Schatten, wie ihn auch die westliche Psychologie kennt. Auch wenn ich kaum Berührung hatte mit diesen Traditionen, ist mein Leben rückblickend eigentlich genau so verlaufen. Es kam alles nur irgendwie verrückter, witziger und westlicher auf mich zu. Aber doch, rückblickend war es ein klassischer Drachenweg.

 

 

Ich halte es gerne mit der chinesischen Überlieferung, bin ich doch selbst im Jahr des Drachen geboren und das chinesische Horoskop traf wesentlich besser auf mich zu als das westliche. Chinesische Drachen bringen Glück. So heißt es zumindest. Und damit wir auch wissen, worüber wir hier reden, so wird ein Drache in China beschrieben: Der Bauch wie ein Frosch, die Pfoten wie ein Tiger, die Klauen eines Adlers, der Kopf wie ein Kamel, die Ohren von der Kuh, das Geweih wie ein Hirsch, Schuppen wie ein Fisch und Flügel wie eine Fledermaus. Der Drache trägt einen langen Bart und Stacheln auf dem Rücken, vom Maul hängen lange Fühler herab. Seine Farbe ist grün-gold. Er speit Feuer und Feuer kommt auch aus seinen Pfoten. Er hat den stechenden Blick eines Dämons. Nun, ich habe mich bei meinen Filzdrachen nicht ganz daran gehalten. Keine Stacheln, kein Feuer, kein stechender Blick. Mein Ding sind freundliche Drachen, die wirklich jedem Glück bringen, seine schöpferische Kreativität verstärken und ihn in seiner Schwingung anheben. Mit einem anderen würde ich gar nicht erst reden.

 

Als Fuchur, der Glücksdrache, hat Michael Ende die chinesische Interpretation verewigt: Dass Drachen nämlich vor allem Glück bringen! Sie zeigen sich im symbolischen Kontext unseres Unter- und Überbewusstseins und beschützen das Jungfräuliche, Zarte, Reine und Seelenvolle in uns vor Manipulation, Missbrauch und Gewalt. Aber sie können auch anders. Dann repräsentieren Drachen unsere unbewusste Variante und alles, was wir nicht sein wollen. Und dann wirken sie aus dem Schatten heraus als Saboteur.

 

 

Ich stelle mir vor, dass es in unserem Inneren nicht nur eine etwas verschwommene, unklare Verbindung gibt zu unserer Seele, den Instanzen darüber und zu Gott, sondern regelrecht eine fette Standleitung zur Quelle unserer Existenz, zu Allem-was-Ist. Diese Verbindung ist jedoch leider bei den meisten Menschen verstopft durch eine göttliche Arterienverkalkung, so dass sie außer in ganz seltenen Momenten nicht mehr spüren können, dass sie eins sind mit dieser Quelle und damit außerdem auch eins mit der ganzen Schöpfung. Und dann müssen sie sich an äußeren Konzepten und heiligen Büchern und allen möglichen Fachleuten festhalten, um auf diesem Umweg doch noch immer näher zu Gott zu finden. Das hat im Mittelalter zu solchen Blüten wie Selbstgeißelungen geführt. Doch diese Menschen verwechselten dann starke - positive oder negative - Gefühle mit Gott. Martin Luther hatte sich damals die Kirche zum Feind gemacht mit der Behauptung, dass jeder Mensch Gott nur im Innern finden könnte. Ich gebe ihm heute recht.

 

 

Diese Verbindung meine ich, und sie ist nur durch ein Tor zugänglich. Und dieses Tor befindet sich in deinem Inneren, in einer großen Höhle mit vielen Gängen und Kammern, da muss man es erst einmal finden. Es liegt dort auch viel Zeugs 'rum und davor schläft dein Drache und träumt. Er bewacht das Tor. Um ihn herum liegt bei den meisten Menschen ebenfalls ganz viel Müll. Das ist der Schatten. Der Schatten verhindert, dass wir Gott oder die Quelle in uns als Liebe und Frieden erfahren können. Es liegt einfach noch zu viel Müll 'rum für einen freien Durchfluss unsrer Lebenskraft. Denn erst diese Verbindung gibt uns Leben und lässt uns Glückseligkeit erfahren. Alle unser persönlichen, einschneidenden Erfahrungen, verdrängten Probleme und kleinen und großen Konflikte liegen vor dem Tor unsrer Standleitung zur Quelle herum und versperren die Sicht auf das größere Ganze.

 

Ich bin mittlerweile davon überzeugt: Jeder Mensch sehnt sich tief in sich drinnen danach, diese klare seelische Verbindung zu spüren und im Einklang mit dem größeren Ganzen zu handeln. Es kann nur sein, dass die Geschäftigkeit der Welt, die vielen tollen Erfahrungen und die Probleme dort die Menschen so ablenken, dass sie dies noch nicht erkennen. Oder sogar die Existenz einer erfahrbaren Ebene von Sinn und Freude überhaupt bezweifelt. Die Seele eines Menschen macht da auch eine Entwicklung durch, sie braucht ihre Zeit und manchmal ein paar Inkarnationen mehr, sich wieder zurück zu erinnern an den Ort, wo sie herkam. Erst die Verbindung zum Göttlichen gibt auch dir Freude, Frieden und Erfüllung.

 

 

Und da kommt nun dein Torwächter ins Spiel. Bei mir ist das ein Drache, aber deiner kann ganz anders aussehen. Dieser Drache hat als Torwächter die Aufgabe, dir immer mal wieder ein paar alte unerledigte Kisten aus dem Schatten zuzuschieben oder dich mit einem Konflikt da draußen sogar zu zwingen, dich endlich um deinen Psycho-Müll zu kümmern. Dabei dosiert er die Menge immer so, dass du damit weder überfordert noch unterfordert wirst, das ist seine eigentliche Aufgabe. Jeder Torwächter tut das. Du wirst zu deinem eigenen Schutz erst durchgelassen, wenn du reif dafür bist. Denn wenn sich die Leitung auf einen Schlag von selbst frei spülen würde, hättest du mit einer großen Müllflut zu kämpfen und könntest darin untergehen. Du knallst psychisch vielleicht ganz durch oder gerätst doch noch in die Mühlen der Geschichte. Dein Torwächter schützt dich und deinen Körper. Und er wird den Weg zur Quelle erst ganz freigeben, wenn du dafür bereit bist und es schaffen kannst. Besser ist, es kommt in verdaulichen Portionen.

 

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„Wie kam denn der Müll dorthin, werden sich deine Leser nun fragen.“ Mein Drache unterbrach mich wieder beim Schreiben. „Also, der Drache dosiert deine Erfahrungen und schützt dich davor, dass alles zu plötzlich kommt, meinst du das? Doch wieso schützt er damit auch deinen Körper? Du musst das besser erklären!“ Er sah mich auffordernd an.

 

 

„Du bist immer einen Schritt voraus, ich wollte jetzt noch nicht darauf eingehen, was passiert, wenn die Energie der Quelle frei fließen kann.“ Mir selbst war schon klar, dass diese Stromstärke den Körper gefährden und die Sicherungen im Körper durchknallen könnten. Wer weiß, wie viele Menschen in der Psychiatrie saßen, weil ihnen genau das passiert ist. Oder der Körper selbst starb, auch war möglich. Wir haben also zu recht Angst davor, uns mit der Quelle zu befassen, bevor wir bereit sind.

 

„Genau das musste gesagt werden, damit einer dein Bild vom Torwächter versteht. Der schützt davor, unvorbereitet und zu früh dieses Tor zur Quelle zu öffnen!“ Zufrieden lächelte mein Drache.„Ich schlage vor, du änderst dieses Konzept noch einmal, denn es trägt nicht weit genug.“ sagte er dann. „Ich glaube, das mit der Kraft solltest du besser mit der kleinen Psychopolizei erklären, ich zumindest finde das auch ganz amüsant.

 

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Ich habe mich immer schon für Psychologie interessiert und in beiden Lehrerstudien und privat eine Menge mitgenommen, auch aus den über hundert psychoanalytischen Gesprächen zu meinem eigenen Leben und in allen anderen Therapien und Ausbildungen. Du merkst daran, ich hatte keinen klassischen Lebensverlauf wie im Bilderbuch. Ich habe auch zu fast allem meine eigene Bildersprache, dann kann ich es mir selbst auch besser merken. Und vielleicht hat da auch einfach die Sonderschule etwas auf mich abgefärbt. Ich nenne das meine Küchenpsychologie. In einem dieser Bilder hat jede Psyche eine innere Psychopolizei - und dieses Konzept sprach mein Drache an - und die steckt im Schatten. Dieses Konzept kann zumindest besser erklären, warum wir normalerweise unsere Kraft nicht ganz zur Verfügung haben. Unsere Lebenskraft bleibt nämlich im Schatten stecken! Dann symbolisiert der Drache nur den Teil unserer Kraft, den wir noch nicht integriert haben, der aber eigentlich zu uns gehört. Doch hier kommen wir erst mal zu einer alternativen Sicht des Schattens mit dieser Polizei und ganz ohne Drachen:

 

 

Vielleicht kam dir auch schon der Gedanke, dass dein Leben hier nur ein Training ist, ein Bewusstseinsspiel, eine Realitätsschule oder ein World of Warcraft, um immer besser in deine Kraft zu kommen oder wie der Avatar im Spiel immer mächtiger und durchsetzungsfähiger zu werden und immer neue Level zu bestehen. Wenn deine bewusste und deine unbewusste Kraft vereinigt werden, müsste sich dann nicht auch dein höchstes Potential manifestieren? Spirituelle Schulen sehen das gar nicht so anders: Sie halten die Erde für eine Schule, in der Seelen lernen, Erfahrungen zu sammeln, sich selbst zu heilen und ein besseres Leben zu erschaffen. Und sich selbst zu kennen und sich und andere zu lieben.

 

 

Doch fahren wir fort, ich will dir ja das mit dem Schatten erklären. Du beginnst dein Leben und dann kommt irgendwann mal ein Problem, das du nicht lösen kannst. Es ist zum Beispiel dunkel in deinem Zimmer, du kannst nicht schlafen, du hast Angst und weinst, und rufst aus dem Gitterbett, und keiner kommt um dich zu beruhigen. Sie hören dich nicht, der Fernseher ist einfach zu laut. Und um nun nicht verrückt zu werden in deiner psychischen Not als dieser ganz kleine Knirps spaltest du etwas von deiner Kraft von dir ab, (ich stelle mir da lauter kleine Legopolizisten vor) und die stellst du nun in einem Kreis ganz um diese bedrohliche Angst herum - innerlich natürlich. Und die lassen deine Angst einfach nicht mehr zu dir durch. Oder noch besser; stell dir vor, deine Psychopolizei nimmt deine Angst fest und steckt sie in ein Gefängnis.

 

 

Psychologen nennen diesen Vorgang „Verdrängen“. Du nimmst sie nicht mehr wahr und dann vergisst du sie ganz und kannst endlich einschlafen. Wenn das gut funktioniert, machst du das öfter. Deine Psyche schützt dich so davor, dass du dich mit Problemen beschäftigst, die du noch nicht lösen kannst. Ist die Bedrängnis zu groß, flüchtest du auch mal ganz aus deinem Körper, aber dein Körper speichert das Drama dennoch, und deine seelische Erinnerung auch. Ein solches Trauma ist fast nicht aufzulösen, sagen die Psychologen. Doch, aber eher mit alternativen Heilmethoden, die so selbstverständlich mit dem Ausstieg aus dem Körper umgehen können wie mit Karma und mit anderen Inkarnationen.

 

Jedes Mal, wenn du etwas Kraft aus deiner Psyche abspaltest und ihr eine solche Aufgabe unbewusst zuteilst, hast du dir eigens kleine Polizisten für dieses Problem engagiert (abgespalten), oder auch gleich mehrere und ganze Probleme in deinem inneren Gefängnis (Schatten) untergebracht. Und die kosten Kraft, die Probleme müssen weiter genährt und die kleinen Polizisten versorgt werden. Einmal gelernt, setzt du die kleinen Polizisten nun auch immer öfter ein, denn es hat ja gut geklappt. Bei jedem ungelösten Problem stellst du ganze Scharen davon ab, die dieses Problem bewachen, so dass du davon nicht mehr weiter behelligt wirst und dich um anderes kümmern kannst. Sie wachen ab sofort darüber, dass du deine Ruhe hast, egal, ob es sich dabei um eine grausame, unschöne oder peinliche Erinnerung handelt oder nur um ein diffuses unangenehmes Gefühl. Du willst oder kannst dich (noch) nicht damit befassen, also spaltest du von deiner psychischen Kraft immer wieder Teile ab und verdrängst sie so, dass sie dir nicht mehr bewusst zugänglich sind. Das macht deine Psyche ganz automatisch, denn erst einmal sollst du ja als dieses kleine Kind ÜBERleben.

 

 

Wenn wir annehmen, dass du mit der Kraft von hunderttausend solcher kleinen Legopolizisten geboren wurdest und sie entsprechen in Summe deiner gesamten psychischen Kraft, die du von der Schöpfung mitbekommen hast, um dein Leben gut zu gestalten, dann gehst du aus deiner Kindheit, wenn sie gut lief, vielleicht sogar mit ein paar Tausend mehr hervor. Denn jedes erfolgreich gelöste Problem, jede integrierte Erfahrung, jedes bestandene Abenteuer in deiner Kindheit vergrößert deine Kraft und deine Durchsetzungsfähigkeit. Oder um im Bild zu bleiben, es vervielfacht sich die Anzahl deiner Polizisten, sie stehen dir dann frei als deine psychische Kraft zur Verfügung um dir das Leben so zu gestalten, wie du das brauchst. Deine Kraft spürst du als deine Lebenskraft, als Freude am Dasein und als deine Durchsetzungsfähigkeit.

 

 

Du kannst deine Kraft so also mit jeder gut gelaufenen Erfahrung auch immer weiter vergrößern! Es ist nicht so, dass du mit einem Eimer voll Lebenskraft auf die Welt kommst und davon lebst du dann, und wenn sie aufgebraucht ist, stirbst du. Nein, jede gut erledigte Lebensaufgabe füllt diesen Eimer wieder auf oder stellt sogar neue Eimer dazu! Du wächst an deinen Aufgaben und deine Kraft wächst mit dir!

 

Aber vermutlich wirst du aus alter Gewohnheit auch weiter verdrängen. Du hast keine Zeit, dich um dieses Problem zu kümmern. So schlimm ist es ja nicht... usw. Das kann dazu führen, dass du auch einen Teil der neu gewonnenen Kraft wieder ins Unbewusste schickst, sich um die Querulanten und Demonstranten dort zu kümmern. Das merkst du daran, dass du wieder kraftloser wirst. Nun kommst du sicher selbst schon auf die entscheidende Idee: Erst wenn du alles, was du verdrängt hast, wieder in dein Bewusstsein gehoben hast, steht dir deine volle Power zur Verfügung. Und ich spreche hier von deiner Lebenskraft, deiner kraftvollen Psyche, deiner Durchsetzungsfähigkeit, nicht von deiner körperlichen Muskelkraft, auch wenn du durch gutes Bodytraining auch deine Psyche stärken kannst, denn auch da bewältigst du ja Aufgaben.

 

 

Deshalb tut es so gut, den eigenen Schatten zu bearbeiten und schließlich ganz aufzulösen, nicht währenddessen natürlich, aber danach: Du gehst viel stärker daraus hervor. Denn deine psychische Kraft ist auch deine Lebenskraft, deine Kraft, dich durchzusetzen, oder wie ich es mittlerweile sehe: Das bist du. Alles andere ist nur deine Hülle, dein Raumanzug für diese Realität. Und du wirst bei jedem neuen Problem zwar wieder ein paar Polizisten abstellen und für die Lösung auf den rechten Zeitpunkt warten, denn das ist natürlich klug, doch du bist zuversichtlich, dass auch diese sich nach der erfolgreichen Lösung des Problems wieder vermehren und du auch aus dieser Erfahrung gestärkt hervor gehst.

 

 

Lief deine Kindheit schwieriger, dann stehen dir vielleicht zum Zeitpunkt deiner Volljährigkeit nur noch zwanzig Prozent deiner psychischen Kraft zur freien Verfügung, die anderen achtzig Prozent sind mit deiner Verdrängung beschäftigt. Um trotzdem täglich zu funktionieren musst du dich viel mehr anstrengen. Aber auch die wenigen kannst du ja vermehren, indem du nun erfolgreich Erwachsenenprobleme löst, allerdings hast du kaum die Kraft dazu, das Leben selbst hält dich viel zu beschäftigt. Aber auch da macht dich noch jede weitere integrierte Erfahrung stärker, lässt dich jedes gelöste Problem etwas mehr Lebenskraft ansammeln. Doch deinen Schatten schleppst du weiter mit dir 'rum.

 

 

Es wäre dennoch alles im Butter, würden nicht die abgestellten kleinen Polizisten in deinem Innern regelrecht danach rufen, endlich gesehen, bedankt und befreit zu werden. Deine Psyche strebt nach Selbstheilung und Wiedervereinigung der ganzen Kraft. Dein Schatten wird dir also keine Ruhe lassen, vor allem dann nicht, wenn du nun schon groß bist und in der Lage wärst, dich zu kümmern, es dann aber doch nicht tust. Die kleinen Polizisten wollen wieder mitmischen, sie wollen nicht in deinem Schattenkeller untätig herum sitzen und deine ungelösten Probleme bewachen, damit sie hübsch verdrängt bleiben. Und sich ihr Zeit dabei mit Kartenspielen vertreiben. Sie wollen WIRKEN, denn dafür ist deine Lebenskraft doch eigentlich gedacht. Deine Psyche strebt danach, deine ganze Kraft wieder in dir zu vereinen. Sie möchte Heilung und Ganzwerdung, keine Fragmentierung, Gefängnisse und Problembewachung. Sie will, dass du glücklich lebst und alles bekommst, was du brauchst. Doch wie könnte sie auf sich aufmerksam machen?

 

 

Nun, ganz einfach: Du triffst scheinbar da draußen so lange auf Situationen, die ähnliche Gefühle in dir erzeugen und dich in ähnliche Probleme verwickeln, die du dann auch noch zusätzlich lösen musst, bis du von dem ganzen Problemkomplex von innen und außen genug hast und ihn ganz erfahren und verstanden hast mit allen dazugehörigen Gedanken und Gefühlen. Deine Psyche sieht in dem Problem da draußen die Chance, dein Verdrängtes in deinem Inneren gleich mit zu befreien. Denn ähnliche Probleme klumpen zu Haufen zusammen, es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass die alten und neuen Probleme sich mischen und in einem Abwasch geklärt werden. Deine Polizisten kannst du dann aus dem Schatten abziehen und sie in Urlaub schicken, oder ihnen andere Aufträge geben, zum Beispiel gut für dich zu sorgen.

 

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„O.K. Genug, genug,“ unterbrach mich mein Drache. An dieser Stelle wird es Leser geben, die sich fragen, ob man den Schatten dadurch ganz klären kann, dass man ihn einfach mit seinen neuen Problemen zusammen auflöst und sich außerdem noch um die Kindheit kümmert. Dann genügt es doch, nur immer bewusster durchs Leben gehen. Ist das so?“ Er sah mich prüfend an.

 

 

Ich überlegte. Eigentlich sollte das Leben wohl so ablaufen. Am Ende würde man weise, erfüllt und im Kreise seiner Lieben friedlich sterben. Doch dann fiel mir mein Horoskop ein. Der Zeitpunkt der Geburt gab dem Astrologen eine genaue Auskunft über die Lebensthemen dieses Menschen, davon war ich mittlerweile überzeugt. „Dann liegen die Themen unseres Lebens doch bereits vor. Also stammt nicht alles aus der Kindheit?“ fragte ich meinen Drachen.

 

 

„Nein, natürlich nicht.“ gab er zur Antwort. „Jede Seele nimmt sich für dieses Leben nur eine Auswahl an Themen vor. Alles ginge nicht. Diese Themen hängen mit früheren Leben zusammen oder auch mit Aufgaben auf ganz anderen Ebenen.“

 

 

Ich fragte nach: „Und wie wirkt sich das, was die Seele sich vornimmt, auf den Schatten aus?“

 

„Auch diese Themen kommen in den Schatten und entwickeln sich daraus erst so nach und nach. Sie werden ebenfalls im Draußen erfahren, stammen aber aus dem Fundus, den die Seele mitgebracht hat.“

 

Doch da ja nicht nur der Zeitpunkt der Geburt ausschlaggebend ist, sondern damit wohl die Kindheit, das Elternhaus und der Wohnort bestimmt werden, passen die auch zu den Themen. Vielleicht verlief deine Kindheit ja nur deshalb so, weil da bereits deine Lebensthemen aktiviert und im Schatten weiter mächtig ausgebreitet wurden. Damit du sie auch ja in diesem Leben bearbeitest. Denn je mächtiger sie im Schatten herumliegen, desto mehr Druck entsteht, dass du dich diesen Themen auch stellst.

 

„Dann ist es vielleicht überhaupt nicht die Kindheit, sondern unser Karma, was den Schatten füllt?“ fragte ich meinen Drachen.

 

 

„Ja und nein,“ würde ich mal sagen. „Diese mitgebrachten Lebensthemen werden nach außen projiziert und erzeugen deine Kindheitserfahrungen. Und dann kommt dein freier Wille dazu, wie du damit umgehst. Es ist nicht festgelegt, dass du Erfahrungen vor allem wieder in den Schatten verdrängst. Und es gibt ja, nicht zu vergessen, auch gutes Karma. Es kann also auch alles ideal laufen.“

 

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Dass wir im Leben immer kraftvoller werden, wäre also der Idealverlauf und deshalb haben auch viele Menschen das Gefühl, dass sie so nach und nach ihre ganze Kindheit abarbeiten und damit gut mit sich ins Reine kommen. Diese Probleme und Lebensthemen spülen sich nach und nach ins Bewusstsein oder verwickeln dich scheinbar da draußen weiter in Probleme, weil sie bereits in deinem Schatten liegen. Und das tun sie so lange, bis du das Thema als Lebenserfahrung ganz integriert hast und dich durch die Befreiung deines Schattens so gestärkt hast, dass du auch in Zukunft besser damit umgehen wirst. Und die Kraft fließt dir zu, einmal durch die hinzugewonnene Kraft der erfolgreichen Bewältigung und zum anderen durch die Auflösung des Schattens. Du merkst es daran, dass dieses ganze Thema bei dir einfach durch ist. Du hast kein Interesse mehr daran. Und wenn du irgendwann gar kein Interesse mehr an neuen Verdrängungen hast, weil du dich fähig fühlst, sofort mit allem umzugehen und instant im Jetzt deine Probleme zu lösen und nichts mehr anbrennen zu lassen, kannst du deine Psychopolizisten zum Beispiel zu Gärtnern deines neuen Lebens umschulen, das machen sie dann auch gerne. (dann bekommen die kleinen Legomännchen in meiner Vorstellung grüne Hüte und eine Sonnenblume in die Hand).

 

 

Die Macht der Projektion deiner Probleme nach draußen haben die kleinen Polizisten in deinem Schatten, weil sie zu dir gehören und du endlich aufwachen sollst zu dem, der du wirklich bist. Und in deine ganze Kraft gehen. Denn es verfälscht ja auch deinen ganzen Lebensausdruck, wenn du nur zu zwanzig Prozent vorhanden bist, um mal bei dem Beispiel der problembeladenen Kindheit zu bleiben. So jemand kann sich doch überhaupt noch nicht kennen! Und dann haben auch äußere Kräfte leichtes Spiel, die nicht dein Bestes wollen. Dann baust du eine falsche Persönlichkeit um dich herum, denn eine Persönlichkeit brauchst du in dieser rauen Welt. Du versuchst eben so zu sein und dich so zu benehmen, dass du hinein passt. Du versuchst aber auch jemand zu sein, der du gar nicht bist. Und diese Persönlichkeit musst du dann zusätzlich auch noch verteidigen, auch das raubt dir deine Kraft, auch da werden also deine kleinen Polizisten gebraucht, diesmal nicht zur Verdrängung sondern zur aktiven Verteidigung.

 

 

Nehmen wir an, du hättest eine schwierige Kindheit gehabt und noch viele Verdrängungen laufen, dann wären dir zu deinen zwanzig eigenen auch noch achtzig Prozent von außen übergestülpt worden als eine anerzogene Persönlichkeit, denn, wie gesagt, entwickeln musst du eine Persönlichkeit in dieser Gesellschaft, um erst mal zu überleben. Diese Persönlichkeit kennt sich dann vor allem mit dieser Gesellschaft und ihren Spielregeln aus und wird dich dann vermutlich auch noch mit Vorwürfen übergießen und dich zensieren, sobald du von diesen Regeln abweichst. Du fragst dich dann schließlich sogar, wieso du alles immer so falsch machst. Du machst nichts falsch. Dir wurden nur Zweifel, Minderwertigkeitskomplexe und verunsichernde Gedanken von Familie, Tradition, Religion, Schule und Gleichaltrigen eingegeben, damit du dich selbst zu ihrem Vorteil kontrollierst und brav bist. Du sollst niemals auf die Idee kommen, in dir selbst aufzuräumen und deine volle psychische Kraft zu beanspruchen. Sonst würdest du dir endlich das Leben so gestalten, wie du es haben willst. Und damit würde es mit dir für die anderen bestimmt schwierig werden, so denken sie zumindest. Oder du wirst sogar unberechenbar. Wenn du deinen Schatten auflöst und die Abspaltungen wieder zu einem Ganzen vereinigst, hast du so viel Kraft, wie du es dir bisher nicht einmal in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst! Und mit der lassen sich alle deine Visionen umsetzen, die du für eine bessere Welt und ein besseres Leben in dir bereit hältst. Wo? Auch im Schatten. Oder schon halb oder ganz bewusst. Wahrscheinlich hat man dir sogar ausgeredet, dass so etwas überhaupt möglich ist!

 

 

"Sei realistisch!" haben sie zum Beispiel gesagt. Das ist der beste Vision-Killer ever. Und du hast ihnen geglaubt. Und es ab sofort auch selbst zu dir gesagt, wenn sie nicht da waren, so ist das Gesagte dir regelrecht eingepflanzt worden. Nun bist du auch viel leichter zu steuern, am besten, du beschäftigst dich weiter mit Problemen und Selbstvorwürfen und machst brav, was man von dir verlangt. Dann füllst du auch eifrig weiter deinen Schatten. Mal sehen, wie lange das gut geht. Midlifecrisis wurde es früher genannt, wenn der Schatten bis zum Platzen gefüllt war und den Menschen zu einer Kehrtwende im Leben zwang, um den echten Menschen hinter der Persönlichkeit doch noch freizusetzen.

 

Und um dies mal auf die internationale Ebene zu erweitern: Deshalb ist grade auch ganz großes Kino auf der Welt, es gibt da ganze Völker, die einen riesigen Schatten werfen: Damit du ja nicht die Masterfrage stellst, die dir sofort deine ganze psychische Kraft zurückgeben würde und eine ganz klare Wahrnehmung dazu, was hier wirklich gespielt wird und was du selbst tun kannst, damit es auf der Erde großartig und friedlich weitergeht und ALLE Wesen gedeihen. Du SOLLST denken, du bist diesem internationalen Geschehen in Politik und Finanzwirtschaft machtlos ausgeliefert. Aber das bist du ganz und gar nicht, wie du im Laufe dieses Buches noch entdecken wirst. Kein Mensch will aus sich selbst heraus etwas anderes als Frieden. Zumindest, wenn er noch ganz bei Trost ist. 'Ganz bei Trost' bedeutet nichts anderes, als dass du deine innere Polizei befreit hast und gut vermehren konntest, um so viel Selbstbewusstsein und Intuition aufzubauen, dass du dich traust bei allem genauer hinzusehen und zu differenzieren, ohne dass dir das Bedürfnis in die Quere kommt, das Böse in die Welt da draußen projizieren zu müssen. Dann betrachtest du das Leid dieser grausam gebeutelten Menschen voller Mitgefühl. Sogar den Selbstmordattentäter. Was mag diesen Menschen dazu gebracht haben, so etwas zu tun? War er verzweifelt, verrückt, getrieben? War sein Schatten prall gefüllt und platzte?

 

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„Meine Liebe, lass uns das mit dem kollektiven Schatten ins letzte Kapitel verschieben, das geht an dieser Stelle zu weit. Ich bin mir auch noch nicht sicher, ob Projektionen jetzt schon gut erklärt wurden. Denn eigentlich stammt der Begriff ja aus der Physik. Wenn ein lichtdurchlässiges Bild (Dia) durch Licht aktiviert wird und an eine Wand geworfen, dann ist das eine Projektion. Wie passt das in deine Modelle von der Psychopolizei bzw. vom schlafenden Drachen?“

 

Dass er immer so genau sein musste! Aber er hatte ja recht. Auf die Frage, was ist real? hatte ein großer Denker mal gesagt, eigentlich sitzt der Mensch in einer Höhle mit dem Rücken zum Eingang und starrt die Wand dahinter an. Und dort spiegelt sich das Licht von draußen und er hält es für seine ganze Realität. Andere sagen, wir träumen unsere Welt nur, so wie wir die Welt als Realität erleben, in Wirklichkeit ruhen wir Zuhause in Gott und träumen das hier nur. Wir haben Gott nie verlassen.

 

„Ich hab's,“ fiel mir da ein. „Es ist tatsächlich so wie mit dem Bild. Das Licht aus unserer göttlichen Verbindung fließt durch unser Tor und durch alles, was da noch rumliegt und wirft das alles zur Bearbeitung nach draußen in die Welt. Und unsere Erfahrung wird dann unbewusst dadurch bestimmt, während wir bewusst ganz andere Sachen anstreben. Wir ziehen die Ereignisse und Menschen in unser Leben, die zu diesem Bild passen.“

 

Ich schaute ihn an, das traf es doch genau. Mein Drache nickte.

 

„Und dann passt auch mein Drachenmodell wieder, denn der Drache träumt mit meiner unbewussten Kraft mein Leben, das ich da draußen erfahre. Er projiziert alles nach und nach aus meinem Schatten nach draußen!“ Ich war zufrieden.

 

Er träumt diese reale Welt da draußen in Existenz und er nimmt dafür Muster und Beispiele, die bei mir im Schatten rumliegen. Der Drache träumt davon, wie es draußen wohl zugeht, und davon will ich offenbar mehr haben. Und dann träumt er und träumt. Und alles bleibt unbewusst und ich diesem Mechanismus schicksalhaft ausgeliefert.

 

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Ich stelle mir also vor, dass es in deinem Inneren eine große Höhle gibt mit vielen Gängen und Kammern und dort lebt ein Drache, dein Drache. Er erschafft dir dein Leben im Draußen, er träumt es in deine Realität. Dabei wird hoffentlich mit dem Problem da draußen auch der Müll um ihn herum geklärt, das ist zumindest der Plan, wie Menschen hier ihre Seele entwickeln sollen. Der Drache kennt die Welt da draußen nicht, er träumt sie sich zurecht aufgrund deines Mülls, schöne Aussicht, nicht wahr? All dieses Zeugs packt er in seine Träume und macht daraus reale Ereignisse. Und wenn sich der Drache dreht oder im Schlaf mit dem Schwanz schlägt, dann fliegen auch mal wieder ein paar Sachen raus. Eigentlich aber bist du diejenige, die träumt, und der Drache bewacht im Schlaf die Jungfrau - den unschuldigen göttlichen Teil in dir, das innere Kind. Er bewacht dein kindliches reines Selbst und deshalb liegt er vor dem Tor zur Quelle und schläft.

 

 

Warum solltest du ihn dort besuchen? Es würde dich doch nur ängstigen! Auf die Idee nach Innen zu schauen, kommen Menschen erst, wenn es draußen nicht mehr funktioniert, das Leben. Und dann hast du auch vielleicht Angst, du könntest in deinem Innern etwas entdecken, etwas ganz Gruseliges. Da gibt es zum Beispiel eine traumatische Erinnerung, die willst du dir nie wieder an tun. So hast du dich damals entschieden. Nie wieder! Aber du hast genau deshalb auch Angst, dass sie sich wiederholen könnte und baust dann eine Verteidigung auf, damit es nicht passieren kann. Du hast Angst vor deinem Schatten? Lieber gar nicht nach dem Schatten sehen ist deine Devise? Solange du die verschiedenen Höhlen und Kammern in deinem Innern nie besichtigt hast, macht dir dieses innere Labyrinth erst einmal Angst. Das ist ganz natürlich. Und dann hältst du das Grollen in der Ferne, in der Tiefe für ein gefährliches Untier. Doch du musst nicht einmal deinen Drachen gehört haben, vielleicht hat nur einer den Ventilator angeworfen, damit der muffige Geruch endlich verschwindet! Es gibt für alles einen natürliche Erklärung. Schließlich wird dein Erfahrungsmüll irgendwann zum Himmel stinken. Es wird also nicht leichter, da hinab zu steigen, wenn du deinen Schatten auch noch weiter vollstopfst. Du stapelst deinen Erfahrungsmüll über- und untereinander und wenn da mal ein ganzer Berg verrutscht, macht das auch ganz unheimliche Geräusche und du bekommst es noch mehr mit der Angst zu tun.

 

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Machen wir mal weiter mit dieser Psyche, die nur noch über zwanzig Prozent ihrer Kraft verfügt. Je größer der Minderwertigkeitskomplex ist (und die zwanzig Prozent in unserem Beispiel deuten auf einen sehr großen hin), desto größer müssen die Allmachtsfantasien werden, um sich selbst überhaupt noch aushalten zu können bei den vielen fremdbestimmten negativen Gedanken im Kopf. Die winzige und schwache eigene Persönlichkeit muss mit etwas besonders Großem ergänzt werden. Und das geht nicht ohne die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die da eine passende Ergänzung anzubieten hat: Eine, die viel Gutes tut in der Welt und sich ganz besonders für andere einsetzt. Oder man hat ein Job, an dem man sich festhält und mit dem man sich definiert (das war ganz lange meine Lieblingsergänzung der fehlenden Anteile). Manchmal ist es aber auch eine Ideologie, die sich selbst als die besseren Menschen sieht, oder näher zu Gott oder mit grandiosen Genen.

 

 

Und derjenige mit wenig eigener innerer Kraft (irrtümlich auch als Selbstbewusstsein bezeichnet) ist dann mit dabei und fühlt sich endlich groß und großartig. Allmachtsfantasien sind notwendig, wenn du klein gemacht wurdest und führen schließlich zu Gotteskriegern, Kreuzzügen bis hin zur Inquisition oder einem nuklearen Krieg. So eine konflikt-beladene Seele schreit förmlich danach, zu beweisen, dass sie doch GUT ist. Und weil sie die Lösung nicht kennt, nämlich den Schatten aufzulösen und ganz sich selbst zu sein, geheilt und in Frieden, sucht sie ihr Heil in noch mehr Schatten. Menschen malen den Teufel eigentlich nur deshalb an die Wand, damit sie den Teufel da draußen bekämpfen können und ihr Inneres endlich Ruhe gibt.

 

Ende der Leseprobe, 60 von 280 Seiten